Toskana im Sauseschritt

15/05/2008

Oder Heimweh nach Florida

Ich muss mich beeilen, eine Kolumne ist verflixt kurz für drei Tage Florenz & Co inkl. Nachtzug und Charlie. Das wäre ein toller Reisebericht, mit Fotos und allem Drum und Dran – aber so begnügen wir uns mit der flotten Kurzfassung.

Mein alter Freund Charlie, wohnhaft in einem Pensionistendomizil in Ocala, Florida, hatte mit seiner Frau Maurine eine Kreuzfahrt gebucht, von Miami nach Rom. Die einzige Chance, die beiden zu treffen: Beim Landgang in Livorno. Lassen Sie sich erzählen, wie das war:

Für mich ist das nicht nur Toskana-Premiere – ich bin auch noch nie per Schlafwagen gereist. Viel bequemer als befürchtet. Ist quasi unmöglich, sich gegen das in den Schlaf geschaukelt werden zu wehren. Um Mitternacht klettern in Villach zwei Frauen in die freien Betten. Am frühen Morgen warten die beiden in Florenz noch immer auf ihren Anschluss Richtung Assisi, während ich schon fast in Livorno bin.

Dort: Quer durch die Stadt und über eine Betonwüste namens Piazza della Repubblica ins Hotel, Koffer abgeben. Lasse mir erklären, wo die großen Kreuzfahrtsschiffe liegen, laufe in jenen Teil des Hafens, sehe durchaus große Schiffe – sehe keine „Carnival Freedom“. Frage nach – die liegt weit weg, ich brauche ein Taxi. Zurück in die Stadt, Taxistand suchen. Ein Bus spuckt mir eine Ladung schnatternder Amerikaner vor die Füße. Vorne am Bus das Schild: „Shuttlebus ‚Carnival Freedom'“.

Der Fahrer spricht (wie alle Italiener) „a little English“ (Daumen und Zeigefinger zeigen, wie wenig), nach fünf Minuten „little English“ sitze ich im Bus und er bringt mich zum Schiff. Schmäh ohne: Musikalisch untermalt von Ennio Morricone. (Bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ grinst mir der Fahrer im Rückspiegel freundlich zu. Vienna, eh?) Mit Italo-Western-Sound zu meinen Ami-Freunden aus Amerikanien. Mir geht’s gut.

Der Hafen ist gewaltig. Die Schiffe sind gewaltig. Mein Herz hüpft gewaltig, als der US-Touristen-Kreuzer vor mir auftaucht. Ich springe aus dem Bus, winke dem Fahrer und, wie erwartet, hängt Charlie schon an der Reling, auf der Suche nach mir. „Charlie“, schrei ich, „Charlie!“ Er sieht mich und winkt und deutet, ich solle an Bord kommen (ich merk schon, er hat Probleme beim Gehen), aber das Ans-Bord-Kommen ist so eine Sache: Sie lassen dich nicht rein, wenn du nicht auf einer Liste stehst. Wichtige Uniformierte (denken Sie ruhig ans deutsche Traumschiff) schicken dich hierhin und dorthin und am Ende ist es doch leichter, Maurine schiebt Charlie an Land.

Schieben, weil seine Beine schlimmer geworden sind und er deswegen im Rollstuhl sitzt. Einem Kreuzfahrtsschiff-Rollstuhl. Umarmungen und Küsse. Einen Tag haben wir füreinander, Maurine wuselt herum, was sollen wir anfangen mit der geschenkten Zeit? Ein Auto mieten, das geht g’schwind, weil direkt am Schiff der Autoverleiher unter einem Sonnenschirm sitzt und seine Autos feilhält, wir packen Charlie auf den Beifahrersitz und den Rollstuhl in den Kofferraum …

… und am Abend sind wir wieder zurück. Wir waren in Lucca, haben famose Eisbecher leer gelöffelt und enge Gassen bewundert, wir waren in Pisa (Begeisterungsstürme vom Rücksitz, weil wir alle Wege fast ohne Karte finden – wir fahren „per Instinct“), der Rollstuhl ratterte über Jahrhunderte altes Straßenpflaster (Charlie: That’s better than sex) und finden später in einer eleganten toskanischen Kurve zurück zum Porto Varco Calvani und damit zum Schiff. Punktgenaue Landung.

Der Typ vom Autoverleih war samt Sonnenschirm verschwunden, also tun, was er für diesen Fall angeordnet hat: Auto abstellen, Schlüssel unter die Sonnenblende, basta. Er würde es später schon holen. Na ja, dann.

Was folgte war der Abschied, ein Tag in Florenz für Kulturbanausen und die Heimreise. Und die Sehnsucht. Nein, nicht nach der Toskana. Nach Charlie und Maurine. Immerhin weiß ich, wie der alte Mann seinen Kaffee mag. Und das Sootie, Maurines dicke Katze, einen zehn Minuten am Stück anstarren kann, wenn man nicht hinschaut. Wie sich das anfühlt, wenn man mit dem Golf-Cart durch die Adult Community knattert und die Nachbarn grüßen. Ich hab Heimweh nach Florida, Fernheimweh. Kann es sein?

Schon. Die Toskana, denke ich, ist aber auch ganz ok. Man sollte sich mehr Zeit dafür nehmen.