Kieloben in der Alten Donau

01/05/2008

Die Moral hängt noch zum Trocknen

Letzten Donnerstag kenterten wir in der Alten Donau. (Ich hüpf in den Text wie ins kalte Wasser, treibe mit den Sätzen kieloben und starre ans Ufer, wo die Leut‘ stehen und uns nicht bemerken.)

Wir kentern, gurgeln aus dem tiefen Grün wieder an den grauen Tag, fassen nach dem Stück Holz, das vor zehn Sekunden noch Ruderboot gewesen war und sich jetzt so gehen lässt – es zeigt uns kalt den Bauch. Ruder kreuz und quer verspannt, wir zählen erst nur drei. Dann, Entwarnung: Das vierte ist nicht verloren, nur verschüchtert und verirrt.

Rudern ist mein neuer Sport. Zur Erleichterung der seelischen Anstrengung gedacht. Zur Knie schonenden Ertüchtigung der körperlichen Wesenheit. Aber.

Hundselendig ist das, bei 15 Grad unter und wenig mehr über der Oberfläche. Während sich die Turnschuhe ansaufen und von den Fersen torkeln, pfeifen wir oben und schreien und winken, weit, weit weg vom Ufer entfernt. Was tun, fragen wir, beide Anfängerinnen, noch nicht harmonisiert aufeinander und das Zweierboot, ich war am Schlag und sie, die jetzt erst mal lachen will, am Heck.

So unernst ist das gar nicht, kaltes Wasser ist mir ein Graus, Kälte überhaupt, da kenn ich nix. Ein kieloben treibendes Ding kann man nicht umdrehen und reinhüpfen und flugs zurückrudern. Nebenbei, der Perspektivenwechsel ist schon ein interessanter, wie immer am Wasser. Von oben, also gestandener Augenhöhe, ist der Winkel fatal verkürzt, die Distanz zwischen Ufer und Kenterboot täuscht. Demütiger betrachtet, knapp über der Trennlinie zwischen trocken und sehr feucht, eh klar: Meilen. Kalte Meilen. Unüberwindbar.

Das geht nie, dachte ich, die nicht so gern schwimmt. Die zwanzig Minuten braucht, um in hochsommerliche Brunzlacken von den Knöcheln bis über die Knie zu waten. Dann wieder steht und die Gegend beäugt.

Was wäre das für eine Allegorie, was würden sich für moralisierende Kolumnen anbieten alleine aus diesem einen Erlebnis! Der veränderte Blickwinkel, die Sicht aus der sicheren Entfernung zum Grauen, aus dem Grauen dann selbst im Vergleich. Wer maßt sich ein Urteil an, wie es sein kann in der Erzwungenheit, selbst oder fremd bestimmt. Wer weiß zu unterscheiden zwischen dem, was passieren darf und dem, was passiert oder man passieren lässt, was zu verhindern gewesen wär‘, hätt‘ wer hing’schaut und warum es verdammt noch mal so lang dauert, bis überhaupt wer hinschaut und was sieht. Und was sagt. Und sich jemand in ein Boot schwingt und zu Hilfe kommt.

(Keine Sorge, wir sind noch immer mit der eigenen Rettung beschäftigt, die Moral treibt in nassen Fetzen in der Alten Donau und wird schön langsam grün im Gesicht.)

Endlich. Ein Boot löst sich vom Heimatsteg, keines, das uns aufnehmen kann, aber der Insasse ist Lehrer, glaub ich, er verbalisiert uns ans Ufer zurück. Also doch schwimmen. Gefühlte vierzig Minuten. Wir schwimmen das Boot zurück, in harter Beinarbeit. Ich bin ziemlich ernst, hab das Denken abgeschaltet und fürchte nichts mehr, nur den hartnäckigen Schwan. Den hartschnäbligen, Gebietsschutz betreibenden Schwan, zwischen den und uns sich das Lehrerboot schützend schiebt, auf den letzten Metern. Applaus, von mir eingefordert. Zwanzig Hände greifen nach dem Kenterboot, nach den Rudern. Ich, stolz, schieb mich selbst ins Trockene, mein Körper ist beleidigt, drei Tage lang wird er mir noch vernünftige Kreislaufarbeit verweigern, aber vorerst unter die Dusche, bis das Heißwasser weg ist und die Betriebstemperatur fast normal.

Jawohl. Die Moral hängt noch am Steg, zum Trocknen, das dauert eine Weile. Wer rudern will, trotzdem: Ich kann es nur empfehlen. (Mit vier, erinnere ich mich jetzt, bin ich schon einmal zwischen Schwäne gefallen. Am Traunsee war das. Wir haben es nicht so miteinander, die Schwäne und ich.)

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