Ich Ameise

12/03/2016

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Not I-Robot, but I-Ant. (by Oskar Stocker)

Oskar Stocker zeichnet mich beim Eis-Tichy … als Ameise.

Oskar Stockers berührende Ausstellung „eingesperrt – never forget“ neigt sich dem Ende zu. Im Rahmen der Finissage bin ich eingeladen, am Montag, 21. Dezember, aus meinen Texten zu lesen.

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Oskar Stocker – Bild aus  dem Zyklus „never forget“

Beginn:  19.30 Uhr
Ort: Schell Collection, Wiener Straße 10, 8020 Graz

jederzeit

02/10/2015

(c) Bild aus der Serie "eingesperrt - never forget", Oskar Stocker, Ölfarbe auf Abfallkarton, 2015

(c) Bild aus der Serie „eingesperrt – never forget“, Oskar Stocker, Ölfarbe auf Abfallkarton, 2015

wenn nun der schatten über dein gesicht fällt? sich an deine wangen heftet, ihr fett aufsaugt, jede farbe löscht. sich vertieft in den ringen unter deinen augen, die brachliegen wie ein feld, vergessen und verdorrt.

wenn keine zeit bleibt, dinge zu ordnen, verfügungen zu treffen oder gar: koffer zu packen.

wenn dein denken beschließt, kein denken mehr zu sein, sondern ein wirren, ein jagen von sinn zu nichtsinn, von funkeln zu glimmen zu erlöschen zu nichts.

wenn man dir dein haus nimmt, dich aus deiner stube zerrt. beim kamin steht noch das glas mit dem roten wein. lange hast du gesucht nach diesem jahrgang, degustiert und geschlürft, gespuckt. geprüft hast du die schlieren am glas, kathedralen, sagtest du, siehst du, riechst du, wie fruchtig, wie alt und samtig. noch steht das glas beim kamin. und was, doch was? wenn dir nichts mehr gehört, weder glas noch kamin noch haus noch das recht, das haus zu betreten.

wenn die straße alles ist, das bleibt und nicht vergeht. was, wenn sie als einzige gewissheit besteht neben nacht und tag und wieder nacht, neben der leere, die kommt und herrscht, sich ausbreitend, einnistend, dehnend und schrumpfend gleichzeitig im bauch im kopf in der seele. im all.

und deine bildung, auf die du viel hältst: wenn sie nichts mehr zählt. dich nichts berechtigt, nichts befähigt, nichts versichert, nichts ernährt.

was dann?

nimm, heißt es, frag nicht. nimm was du kriegst. sei dankbar, sei leise, sei die demut. sei unsichtbar in dem winkel, der dir zugeteilt wird. sei froh, dass du ihn hast. sein wert ist größer als der deine. ein wurm bist du, weniger. ein unglück unter fremden blicken. hochmut wuchert über deinen leib, verdorrt dir den mund.

du glaubst, du bist gefeit? niemand ist gefeit. niemand ist sicher. niemals. der nächste, der geht. die nächste, die fällt, bist du.

(textbeitrag zum ausstellungs-katalog für oskar stockers projekt: „eingesperrt – never forget“. zu sehen in der grazer schell collection bis ende 2015)

Any time

02/10/2015

What to do when shadow falls upon your face? Attaches itself to your cheeks, sucks out your fat, extinguishes every color. Digs into the rings under your eyes which lie fallow like a field, forgotten and withered. When there is no time left to put things in order, to make provisions or even: to pack bags. When your thoughts decide to no longer be thoughts, but rather are tangled, jumping from sense to nonsense, from sparks to glimmering to going out to nothing.  Den Rest des Beitrags lesen »

Greed

02/10/2012

I sit up and think of your pictures. Exhausted people, anger, poverty. Arrogance founded on whatever alienness, whatever distance. Fear. All antipoles. Charity, wildness, desire.

You would say, “Greed”.

Im dunklen Zimmer. Es ist nach Mitternacht, nur der Bildschirm leuchtet. Ich stelle seine Helligkeit so niedrig wie möglich und denke an C.

C. lebt in Florida. Ich habe ein Bild von ihm. Es zeigt einen schmalen Burschen, in Uniform, 1945. Er erzählt mir oft vom Krieg, von Österreich im Krieg, von den Mädchen, von „Ankerbrot mit Schmalz und Salz“ – er sagt „Schmohlts und Sohlts“, er sagt „servus“ und „kapuut“ und „macht nix“. Ich habe ihm zum Geburtstag ein Wörterbuch geschickt, in die Karte geschrieben: Next time I’m with you we’ll talk German all day long.

Sein Körper ist schwer geworden. Er schleppt ihn durch die Wohnung. Manchmal ist C. so traurig, dass er wütend wird. Dann entlädt sich ein Funken seiner früheren Kraft. Etwas blitzt auf, schleudert sich in die Luft und verbirgt sich im nächsten Moment. Auf dem linken Unterarm trägt er ein Anker-Tattoo.

Dieser Anker rührt mich am meisten an.

Wir unterhalten uns oft per Skype. Einmal summte C. eine Melodie. Do you know this song? Ich schickte ihm einen Link, sah, wie er das Mail öffnete, hörte mit ihm „Lili Marleen“, sah sein Gesicht nicht mehr im Bildschirmfenster der Webcam, nur die weißen Haare, er hielt den Kopf gesenkt, ganz dicht an den Lautsprechern seines Computers. Der Kopf zuckte. You made me cry.

Deswegen muss ich das jetzt schreiben, in der Nacht, aus der ich C. nicht helfen kann. Ich stehe am Eingang und er entgleitet mir an ihrem Ende. Ich stehe am Eingang und halte eine Leinwand hoch, auf die er sein Leben wirft, dessen Dauer er spürt und die Fülle und alle Farben und Gerüche und alles Licht und die Bewegungen und Berührungen, seine Männlichkeit, seine Souveränität, all das.

All das muss ich festhalten wie auf einer Leinwand, und wenn die Arme schon wehtun, muss ich sie trotzdem noch halten, und wenn er weint, dann darf ich die Arme nicht sinken lassen, sondern muss sagen: Schau hin.

Bild: Oskar Stocker

Vor dem Fenster zwei Vögel. Der eine fast tot, er ist durch das Glas geflogen und hat seinen Körper zurückgelassen. Wuchtig gebrochenes Genick. Ein Bersten, ein Knall. Ein Klang. Ich sehe auf, als ich das Sterben höre, schaue durch das Fenster auf das Zurückgelassene. Dünne Knochen, braunweiße Federn, schwarze Punkte im geneigten Kopf, das sind die Augen, ohne Blick. Aus der weichen Form hebt sich ein Rest Leben, die Absicht, von hier nach dort zu fliegen, zurück auf den Zaun, zum Strauch im dämmernden Garten. Ich rühre mich nicht. Der zweite Vogel wandert auf und ab, bleibt stehen, betrachtet den anderen. Kehrt um, steht wieder. Still ist es. Allein der Tod werkt vor sich hin. Er gefriert im winzigen Geflecht der Adern, verzuckt knisternd im nussgroßen Hirn. In zentimeterlangen Muskeln. Da draußen stirbt etwas und verliert sich im Ausmaß, in dem seine Wärme vergeht. Daneben der andere Vogel sieht zu und weiß und weiß nicht, dann ist es ausgestanden und einer allein. Ich sehe weg und wieder hin. Das Fensterbrett ist leer, bis auf das Zurückgelassene.