Durch die Stadt (Auszug aus Text für Oskar Stocker)

24/06/2012

Im dunklen Zimmer. Es ist nach Mitternacht, nur der Bildschirm leuchtet. Ich stelle seine Helligkeit so niedrig wie möglich und denke an C.

C. lebt in Florida. Ich habe ein Bild von ihm. Es zeigt einen schmalen Burschen, in Uniform, 1945. Er erzählt mir oft vom Krieg, von Österreich im Krieg, von den Mädchen, von „Ankerbrot mit Schmalz und Salz“ – er sagt „Schmohlts und Sohlts“, er sagt „servus“ und „kapuut“ und „macht nix“. Ich habe ihm zum Geburtstag ein Wörterbuch geschickt, in die Karte geschrieben: Next time I’m with you we’ll talk German all day long.

Sein Körper ist schwer geworden. Er schleppt ihn durch die Wohnung. Manchmal ist C. so traurig, dass er wütend wird. Dann entlädt sich ein Funken seiner früheren Kraft. Etwas blitzt auf, schleudert sich in die Luft und verbirgt sich im nächsten Moment. Auf dem linken Unterarm trägt er ein Anker-Tattoo.

Dieser Anker rührt mich am meisten an.

Wir unterhalten uns oft per Skype. Einmal summte C. eine Melodie. Do you know this song? Ich schickte ihm einen Link, sah, wie er das Mail öffnete, hörte mit ihm „Lili Marleen“, sah sein Gesicht nicht mehr im Bildschirmfenster der Webcam, nur die weißen Haare, er hielt den Kopf gesenkt, ganz dicht an den Lautsprechern seines Computers. Der Kopf zuckte. You made me cry.

Deswegen muss ich das jetzt schreiben, in der Nacht, aus der ich C. nicht helfen kann. Ich stehe am Eingang und er entgleitet mir an ihrem Ende. Ich stehe am Eingang und halte eine Leinwand hoch, auf die er sein Leben wirft, dessen Dauer er spürt und die Fülle und alle Farben und Gerüche und alles Licht und die Bewegungen und Berührungen, seine Männlichkeit, seine Souveränität, all das.

All das muss ich festhalten wie auf einer Leinwand, und wenn die Arme schon wehtun, muss ich sie trotzdem noch halten, und wenn er weint, dann darf ich die Arme nicht sinken lassen, sondern muss sagen: Schau hin.

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