Der Täler Atem. Oben, im Fels, lehne ich einhundert Jahr‘. Was ist ein Jahr, was ist das: Ich? Ein Nichts. Ein: Alles.

Einen Schritt hab‘ ich gemacht. Jetzt lehn‘ ich da und weiß nicht, ob es das noch gibt, das Ich, ob es sich verloren hat, verlustig ging. Mit dem Schritt ins Leere fiel. Ins Höchste. Hohe.

Greifen wollt‘ ich, nach dem Seil vielleicht, und dann war es genau verkehrt: Mich hat’s ergriffen. Mit einer Macht, da gab es keinen Zweifel mehr. Ob man mit will oder nicht.

Jetzt lehn‘ ich da. Die Wange fest am Fels, hör‘ dem Berg beim Flüstern zu. Du, sagt er, dich gibt’s ja nicht. Du bist ein Berg, genau wie ich. Und tastet mit seinen Adern durch mein Ohr nach meinem Herz. Singt mir was vor, Steingeriesel, mit dem Geklirr von Eis versetzt, die kleinen Töne, die sich darüberlegen, das sind die Tropfen, wenn es schmilzt.

 

Kals, 2. November 2012 (c) Peschka
 
Auszug aus dem Text „Kalser Seelenwanderung“ (c) Peschka/Gemeinde Kals – entstanden für die Lesung „AlleSEELEN“, November 2012.  Für ungekürzten Text Mail an karin.peschka@aon.at.
 
 
 

Greed

02/10/2012

I sit up and think of your pictures. Exhausted people, anger, poverty. Arrogance founded on whatever alienness, whatever distance. Fear. All antipoles. Charity, wildness, desire.

You would say, “Greed”.

ich ich ich. habe die trauer fern zu halten. schiebe zwischen uns gelb-orangen duft. himmelbäume. samt-nacht. zeige ihr den halben mond. zeige ihr lichtloses schattengrün. sie findet sich, sie findet mich. in dunklen wellen. sie findet sich, sie findet mich. in ebbe und flut. sie liegt an stirn und brust. gezeitigt mich. höhlt aus, unterspült. räumt, wäscht, raubt. schläft dann, eingegraben, den leichten schlaf der wachsamen. atme flach, sie nicht zu wecken. zumindest eine zeit.

Im dunklen Zimmer. Es ist nach Mitternacht, nur der Bildschirm leuchtet. Ich stelle seine Helligkeit so niedrig wie möglich und denke an C.

C. lebt in Florida. Ich habe ein Bild von ihm. Es zeigt einen schmalen Burschen, in Uniform, 1945. Er erzählt mir oft vom Krieg, von Österreich im Krieg, von den Mädchen, von „Ankerbrot mit Schmalz und Salz“ – er sagt „Schmohlts und Sohlts“, er sagt „servus“ und „kapuut“ und „macht nix“. Ich habe ihm zum Geburtstag ein Wörterbuch geschickt, in die Karte geschrieben: Next time I’m with you we’ll talk German all day long.

Sein Körper ist schwer geworden. Er schleppt ihn durch die Wohnung. Manchmal ist C. so traurig, dass er wütend wird. Dann entlädt sich ein Funken seiner früheren Kraft. Etwas blitzt auf, schleudert sich in die Luft und verbirgt sich im nächsten Moment. Auf dem linken Unterarm trägt er ein Anker-Tattoo.

Dieser Anker rührt mich am meisten an.

Wir unterhalten uns oft per Skype. Einmal summte C. eine Melodie. Do you know this song? Ich schickte ihm einen Link, sah, wie er das Mail öffnete, hörte mit ihm „Lili Marleen“, sah sein Gesicht nicht mehr im Bildschirmfenster der Webcam, nur die weißen Haare, er hielt den Kopf gesenkt, ganz dicht an den Lautsprechern seines Computers. Der Kopf zuckte. You made me cry.

Deswegen muss ich das jetzt schreiben, in der Nacht, aus der ich C. nicht helfen kann. Ich stehe am Eingang und er entgleitet mir an ihrem Ende. Ich stehe am Eingang und halte eine Leinwand hoch, auf die er sein Leben wirft, dessen Dauer er spürt und die Fülle und alle Farben und Gerüche und alles Licht und die Bewegungen und Berührungen, seine Männlichkeit, seine Souveränität, all das.

All das muss ich festhalten wie auf einer Leinwand, und wenn die Arme schon wehtun, muss ich sie trotzdem noch halten, und wenn er weint, dann darf ich die Arme nicht sinken lassen, sondern muss sagen: Schau hin.

Natürlich wird dieser Text meinen Eltern vorgelegt werden. Mit einem dieser speziellen Begleitschreiben, bei dessen Formulierung sich nicht feststellen lässt, was überwiegt: Empörung oder Besorgnis? Soll das Kind bestraft werden oder behandelt? Da Strafe Annäherung bedeuten würde, werden sie für die Behandlung plädieren. Wie auch immer.

Nackt, bis auf das Tuch über meinen Schultern und den Spuren auf Bauch und Schoß, sitze ich an dieser Arbeit für Biologie und das, was man in unserer Schule Ethikunterricht nennt. Es ist halb vier Uhr früh, ein Vogel singt schon im Baum vor dem Fenster. Ich muss es schließen, damit er nicht hereinfliegt, den Schneckenkönig stiehlt und sein Fleisch aus dem Gehäuse zieht. Dieses Gehäuse ist linksgängig, normale Schneckenhäuser winden sich nach rechts. Lange Zeit habe ich einen der sehr seltenen Schneckenkönige – so nennt man sie tatsächlich – gesucht. (Das erklärt auch meine zahlreichen Bitten um Fristverlängerung und die Tränen, wenn man sie mir nicht genehmigen wollte.)

In dem Moment, in dem ich diese Zeilen tippe, streckt der Schneckenkönig seine Fühler aus. Er ist außergewöhnlich lang, fast elf Zentimeter und laut Vorbesitzer sechs Jahre alt. Als ob man ihn besitzen könnte. In Wahrheit wird man von ihm besessen, im Wortsinn. Ich habe mich von ihm besitzen lassen, und davon handelt dieser Essay.

Auszug aus dem Text „Die Frau des Schneckenkönigs“ (c) Peschka.  Für ungekürzten Text Mail an karin.peschka@aon.at.

elffünfzwölf

11/05/2012

jetzt ist die zeit, in der sich alles aus dem tag löst, einen schritt nach vorne tut und verharrt, bevor es in die nacht zurückweicht. diesen moment suche ich, diesen moment will ich haben. eines schreitet, das andere steht still. nichts atmet. dann tut das andere den schritt und dehnt sich kurz in den raum. die straßenbahn fährt über die brücke zur taborstraße, ich sehe nach rechts zum fenster, dort mischt sich rot und gold und blau mit nachtluft und wasser. sofort sehne mich, über’s leben hinaus.

weil das so ein wirbeln war, muss man den blick kaltmachen. wenn man durch die stadt fährt. und glaubt, es stünde einem zu, nackt zu sein. dann sprengt sich etwas, das nur weiß ist. es regnet die trümmer. man hält alles zurück. hört auf mit dem wollen. in meiner brust kreist das sehnen.