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Die Redaktion von Lesart – das Literaturmagazin – lädt in der Reihe Autor*innen empfehlen Autor*innen dazu ein, im Frühjahr 2020 erschienene Bücher vorzustellen. Nachdem sich Birgit Birnbacher (Bachmannpreis 2019) für mein neues Buch entschieden hat (danke!), war ich an der Reihe. Entschieden habe ich mich leichten Herzens für Herrmann, den vor kurzem im Droschl Verlag erschienen Roman von Bettina Gärtner.

Hier mein Beitrag zum Nachhören:

Und hier der Text zum Nachlesen:

Herrmann von Bettina Gärtner

Es ist die Sprache mit ihrer in feinen Nuancen changierenden Färbung, die über die Erzählung hinaus Stimmungen schafft, grundverschiedene Atmosphären der Lebenswelten der Titelfigur. Aber, ob diese Welten tatsächlich so verschieden sind? Herrmann ist nicht nur der unkündbare Angestellte im mittleren Management. Er führt die Hundezucht des verunglückten Vaters fort und weiß nicht, ob er das wirklich möchte. Dem Elternhaus gegenüber wohnend, in einer Landgemeinde, aus der er in die Bundeshauptstadt pendelt.

Abends warten Mutter und Schwester, Herrmann schlüpft der Mutter zuliebe in die Hausschuhe des Vaters, was bei Bettina Gärtner so klingt: „Er betrat sein Elternhaus nicht erst seit dem Unglück nur noch mit dem Wunsch, es schnell wieder zu verlassen. Wie immer scharrten die Hunde hinter der Tür, und die Hausschuhe seines Vaters brachten ihn aus der Fassung.“ (S 61) Den Rest des Beitrags lesen »

Markusplatz

03/02/2020

Auf der Suche nach etwas völlig anderem finde ich ein Bild von mir. In einer schwarzen Mappe, ganz unten in einem Karton. Einem von mehreren, die unausgeräumt im Kasten stehen. Nicht warten. Sondern einfach sind. Seit der großen Übersiedlung, der Inhalt soll (und wann?) in Ruhe sortiert werden, zumindest einmal noch befühlt.

Musste, um zu dieser schwarzen Mappe zu kommen (die nicht das Ziel war), alle anderen Kartons erst aus dem Kasten heben, ausräumen, wieder einräumen, wegstellen, nächster Karton. Das Gesuchte fand sich nicht in der Form, in der es sich hätte finden lassen können, liefe heuer etwas nach Plan.

(Der Jänner wortleer und schwer. Der Februar, der Februar? Das wird sich noch erweisen.)

In der Mappe: Negativstreifen und Fotos, seit gut zehn Jahren nicht in der Hand gehabt. Ich muss um die zwanzig gewesen sein, als ich die Bilder gemacht und mit Hilfe eines Freundes in der Dunkelkammer entwickelt habe.

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Bilderwechsel

31/12/2019

Notizen in fünf Teilen, entstanden anlässlich der Fotoklub K5-Vernissage «Verborgenes Eferding» im Eferdinger Gastzimmer am 19. Oktober 2019.

Geschrieben in den Tagen davor, während der kurzen Reise von Wien nach Eferding über Bukarest, Rumänien, und Veliko Tarnovo, Bulgarie­n, wenige Tage nach einem Vortrag Bazon Brocks, Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung, Künstler und Kunsttheoretiker, geb. 1936 in Pommern.

1. Mit der S7 von Wien Praterstern zum Flughafen Wien

Bazon Brock sagt, die Endlichkeit begründet das Unendliche. So einen Satz in den Kopf packen. Zum Flughafen fahren. Den Rollkoffer die Rollkoffergeräusche machen lassen. Jede erhabene Bodenmarkierung klingt, als würde das Ding scheppernd lachen.

Während der Fahrt, die Häuserreihen lichten sich schon, kommt mir die Frage in den Sinn: Was anders ist am Industriegrau hier und dort. Tippe und tippe und schau über den Brillenrand. Sieht man nicht viel, ist Nebel. Schält sich ein wenig Welt heraus. Ach, Blödsinn. Welt schält sich nirgends heraus, woraus heraus sollte sich Welt schälen? Aus sich selbst? Wenn, dann tut sie das nicht des Nebels wegen. Sondern weil sie sich ständig und ohne Pause aus der Nichtwelt herausschälen muss. (Ich könnte weiterfragen: Wer schält? Kann nur schälen, wer oder was Bewusstsein hat? Ist es zu früh am Tag für die inwendige moral-ästhetische Diskussion? Oder zu spät?)

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Über Wunder

23/12/2019

Sprachgesang oder Sprechrhythmik in drei Teilen. Entstanden für „… dass sich wunder alle Welt …“, Texte und Musik zum Advent, gemeinsam mit Rudolf Jungwirth (Orgel-Improvisationen) am 14. Dezember 2019 in der evangelischen Kirche Eferding.

Erstens: Wundern an sich.

Dass sich wunder alle Welt. Dass Grenzen sind zwischen dem, was sich erklären lässt und dem, was nicht. Dass diese Grenzen durchlässig sind im alten Sinn, und sich verfestigen hin zu Stein im neuen.

Dass etwas, das Wunder sein durfte über die Dauer, keines mehr ist. Sondern, erwiesen für die große Welt, eine Geschichte, eine Mär, zum Streicheln der Kinderseele auch im Erwachsenen. Um Augen rund zu machen, ein Staunen in sie zu zwingen mit arroganter Hand.

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Kosovo Nr. 4

02/10/2019

Ist schon ein anderes Land, ist nicht mehr der Kosovo, sondern Montenegro. Prishtina liegt hinter mir. Oder in mir. (Siehst du, Frau, genau deswegen sollst immer Abstand halten, Distanz bis zum nächsten Text, damit das Rührselige verborgen bleibt. Was willst jetzt schreiben? Ein Loblied auf das Energische, das Herzliche, auf die besondere Bereitschaft zur Nähe in dieser Stadt?)

Gar nichts schreib ich. Sitz im kleinen Hotelzimmer und hab das Licht abgedunkelt. Draußen bellt ein Hund mit sich überschlagender Stimme. Grillen die Zirpen oder zirpen die Grillen. Donnert das Wetter oder rangieren nächtliche Züge, der Bahnhof von Podgorica ist nebenan.

Die Biene frühstückt, während ich frühstücke. (Door 74 – gleich neben der WG, vorletzter Tag in Prishtina.)

Podgorica liegt einen Hauch südlicher als mein* Prishtina. Aber gar nicht so weit weg, nimmt man die Luftlinie. Nimmt man die Buslinie, braucht’s gute dreihundert Kilometer und mehrere Stunden. Weil Grenzen, weil Berge, weil unglaublich schönes Land dazwischen und, wenn über Albanien, Küste, Meer und sogar Menschen, die noch darin baden am zweiten Oktober. (Ein Übermaß an Bildern. Wird auch nicht besser, wenn man – beim Sich-Entfernen – stundenlang aus dem Busfenster schaut.) Den Rest des Beitrags lesen »

Kosovo Nr. 3

23/09/2019

Das Angestrengte zu übersehen, ist leicht und schwer. Bei Schönwetter leicht, bei Regen schwer. So einfach. Wie winzige Ameisen aus dem Notebook zu schütteln. Gestern gemacht, nach dem Aufwachen in Vlora. (Das Notebook lag unter dem Hotelbett auf den kühlen Fliesen, warm und einladend.) Komm mit nach Albanien, meinte Selvije, wir fahren nach Tirana und von dort mit meiner Freundin Isi weiter ans Meer, komm komm komm. (Also zeig ich der Zicke, die mein Roman grad ist, die kalte Schulter, pack sie heimlich ins Herz und ins Hirn und nehm sie mit.)

Sonntagabend, auf dem Weg von Tirana nach Prishtina, wir trinken Kaffee kurz vor der Grenze.

Zurück nach zwei Sonnenhitzetagen, anderen Geschichten, neuen Menschen, stundenlangen Gesprächen. Zurück im Kosovo, es regnet, das Angestrengte lässt sich nicht ausblenden. Der Herbst zieht überall gleich ins Land. In die nasse Stadt. Reife Kastanien unter braungeränderten Blättern. Die Wohnung, der Küchentisch hält mich nicht mehr, ich möchte ins Dit‘ e Nat‘, um diesen Text zu schreiben. Den Rest des Beitrags lesen »

Kosovo, Nr. 2

16/09/2019

Zeit ist absolut unzuverlässig hinsichtlich ihrer Fühligkeit, das wird mir in Prishtina sehr bewusst. Auf, auf, die zweite Woche schildern, bevor sich auch dieser Tag aus dem Staub macht. Schnell per random choice ein paar Bilder vom Fotoapparat ins Netz gezogen. Mich mit der Zeit solidarisierend, gebe ich heute die unzuverlässige Erzählerin.

Jüdischer Friedhof, zerborsten.

Jüdischer Friedhof, zerborsten.

Ein zerbrochenes Schneckenhaus auf dem ebenso zerbrochenen jüdischen Friedhof über der Stadt. Bin hinauf gewandert und gewandert, einen undeutlichen Straßenplan in der Hand, habe mich grandios verlaufen. In eine, zwei, fünfzehn Kurven hinein verlaufen, die mir mehr gezeigt haben als der direkte Weg es gekonnt hätte, und das ist immer so. Parkanlagen, immer schönere Häuser, fast fertig Gebautes, Bäuerliches. Unglaublich weiche Luft für alle. Der Friedhof nur ein Rudiment, es gäbe nüchterne Bilder zu zeigen, ich zeige dieses. 

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