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Eröffnungsrede für die Ausstellung Die wilde Frau der Künstlerinnen der Eferdinger Künstler/innengilde im Juni 2022. Das Thema der Ausstellung bezieht sich auf den Wilden Mann von Eferding (Link zu OÖN), der auch im Stadtwappen zu sehen ist. Der Legende nach wurde er aus Stroh und Fellen gebaut und mit viel Getöse hinter der Stadtmauer aufgerichtet, um die Räuber zu vertreiben, welche Eferding belagerten.

(c) Künstler/innengilde Eferding

Was wild ist und was so geworden sein möcht

Was wild ist, hat spitze Zähne. Sie ragen aus dem Mund, sie stehen kreuz und quer. Sie stehen quer zur Welt und so, dass sie den Mund aufkratzen. (Oder sind es Lefzen?)

Beißt sich das wilde Wesen in die Lippen oder presst diese zusammen, bohren sich die Zähne (die Fangzähne?) ins eigene Fleisch, wodurch Blut fließt, und muss nicht viel fließen, ein wenig aus den Mundwinkeln. (Oder ist es ein Maul?) Ein, zwei dünne Blutspuren, frisch, eingetrocknet, verwischter Lippenstift.

War die Bemalung sorgfältig geschehen, hat sich dieses Wesen, das keine Frau sein muss, das alles sein kann, aber oft eine Frau ist. Hat sich vor dem Spiegel hergerichtet für den Tag, für die Arbeit, für den Anlass, für sich selbst. Hat sorgfältig oben und unten und Bogen und das kleine Herz in der Mitte.

Zuvor die Kontur nachgezogen. Innerhalb dieser soll geblieben werden, nicht über den Strich hinaus. (Die Ausmalhefte der Kinder, hier ist die Sonne, das Haus, der Baum, die Blume mit fünf Blütenblättern.) Nichts darf über die vorgedruckte, vorgezeichnete Kontur, die eine Grenze ist, ragen oder gar sich verlaufen in kleine Falten.

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Literatur findet Land heißt das feine Festival, das der Verein Tauriska jährlich in Neukirchen am Großvenediger veranstaltet, auch heuer wieder unter der künstlerischen Leitung Florian Gantners. Im letzten Jahr war ich als Lesende eingeladen. Und heuer (am 24. Juni 2022) war ich wieder dort, um meine Kollegin Gabriele Kögl und ihr Buch Gipskind vorzustellen. Eine Art Einführung war gewünscht, eine Art Laudatio ist es geworden. (Was sonst?)

Die Einführungslaudatio stelle ich hier zum Nachlesen online. Gleich Gipskind und alles andere von Gabriele zu lesen, zahlt sich freilich mehr aus.

Mit Clemens Berger und Gabriele Kögl im Kellerstüberl des Gasthofs Pferdestall, Neukirchen am Großvenediger (Bild: Verein Tauriska)

Gabriele Kögl & Gipskind

Wie schreibt man eine Einführung? Ich wünschte, ich könnte sie frei halten, um Ihnen und Euch ohne Zettel in der Hand, aus dem Gedächtnis mit vielleicht ein paar handschriftlich notierten Stichworten – die ich dann wahrscheinlich nicht entziffern würde können, weil so geht es mir ja sogar mit meinen Einkaufslisten – eloquent diese Autorin, mit der ich die Freude habe, befreundet zu sein, vorzustellen. Ich würde mich in meinen Schachtelsätzen verlieren und verwirren, vom Anfang nicht zum Ende finden und in der Mitte eines Absatzes anstranden, müsste zurückrudern und neu starten. Daher seid um unser aller Seelenheil willens froh, dass ich ablese.

Es ist erst ein paar Wochen her, dass Gabriele Kögl in einer launigen Runde von sich behauptete, sie hätte sich schon längst „entgeniert“. Ob tatsächlich dieses schöne Wort gefallen ist? Sie selbst sagt, sie erinnere sich nicht daran. Aber ich bin mir sicher, denn: Das Wort passt zu ihr. Wir wissen nicht mehr, worüber wir uns davor unterhalten haben, wofür sich also eine von uns — wir waren fünf Frauen in gelöster Stimmung — hätte genieren sollen. Das ist auch nicht wichtig, denn meistens zahlt sich das Genieren ohnehin nicht aus.

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[Per Klick aufs Bild zum ganzen Text auf Volltext.at]

Zitat Volltext.at: „Hier und Heute – Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur ist ein Gemeinschaftsprojekt von Gerhard Ruiss, Thomas Keul und Claus Philipp und den beitragenden Autorinnen und Autoren. Die Texte der Serie erscheinen wöchentlich, jeweils am Freitag, und können auch als Newsletter abonniert werden. „Hier und Heute – Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur” wurde auf Initiative von Claus Philipp durch Spenden für den Lesemarathon Die Pest von Albert Camus des Wiener Rabenhof Theaters und des ORF-Hörfunksenders FM4 im Frühjahr 2020 ermöglicht. Die Reihe wird von der Stadt Wien aus Mitteln der Literaturförderung unterstützt.“

Ich bedanke mich bei Gerhard Ruiss & Co für die Einladung, am Projekt mitzuwirken.

Am 15. Februar 2021 brachte das Ö1-Radiokolleg unter dem Titel 9 x Österreich: Erkundungen in Oberösterreich Kolumnen von Schriftsteller/innen, jeweils selbst eingesprochen. Darunter zwei Texte von mir. Sieben Tage (bis 22. März, 9 Uhr) kann die Sendung nachgehört werden: Sieben Tage Ö1 – 9 x Österreich

Hier zum Nachlesen mein Text Nummer zwei. 

Meine Schwester Uschi (rechts) und ich

Kind im Wirtshaus

Stutzen rutschen, weil sie immer rutschen, zu gewissen Röcken und Dirndlkleidern trägt man aber Stutzen, also: hochziehen. Hinter der Schank oder in der Küche, bevor das Kind sich, mit Tellern beladen, durch die Pendeltür ins Gastzimmer schiebt. Und spürt, dass die Verfluchten schon wieder rutschen.

An der Haustür lehnt in aller Früh ein Sack, jede Woche von einem anderen Eferdinger Bäcker geliefert. Je nach Bäcker finden sich im Sack entweder dicke oder dünne Salzstangerl unter den Semmeln, wichtiger für das Kind sind die Mohn-Flesserl.

Gefüllte Brotkörbchen stehen im Gastzimmer auf der Ablage vor dem Kachelofen, neben einem Tablett mit Besteck. Das Kind ist stolz, das auch zu können, Messer und Gabel perfekt und gleichmäßig in weiße Servietten zu wickeln, das untere Ende eingeschlagen. Es gibt dünne weiße und dicke grüne Servietten.

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Am 15. Februar 2021 brachte das Ö1-Radiokolleg unter dem Titel 9 x Österreich: Erkundungen in Oberösterreich Kolumnen von Schriftsteller/innen, jeweils selbst eingesprochen. Darunter zwei Texte von mir. Sieben Tage (bis 22. März, 9 Uhr) kann die Sendung nachgehört werden: Sieben Tage Ö1 – 9 x Österreich

Hier zum Nachlesen mein Text Nummer eins. 

7. Februar 2021, zehn Minuten vor Mitternacht, ich steh im Torbogen, die Schmiedstraße glänzt.

Wie es war und wie es ist

In der Nacht vom 7. auf den 8. Februar 2021 ziehe ich gegen Mitternacht die Stiefel an, setze eine Haube auf und wickle mich fester in die Jacke.

Zuvor bin ich am offenen Fenster meines Arbeitszimmers gestanden und habe dem Schnee beim Fallen zugesehen. Seit gut zwei Wochen bin ich in Eferding, im alten Haus, das unsere Eltern bis 1998 als Gasthaus führten.

Ich suche die roten Handschuhe, finde sie und stehe kurz darauf vor der Tür. Keine Autos, keine Menschen, die Schmiedstraße glänzt dunkel, es ist still bis auf ein vielstimmiges Tropfen; der Schnee fällt dünn und schmilzt sofort. Aber es könnte kälter werden, daher streue ich etwas Salz auf den Gehsteig. Dann hocke ich mich hin. Im Torbogen unseres Hauseingangs, einfach so.

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Nach Katharina Ferner und Tanja Raich wurde ich eingeladen, für das Literaturhaus am Inn eine Woche lang das Journal aus diesen Tagen zu gestalten.

Jeden Tag wird der Blogbeitrag auf der Literaturhaus-Seite um den aktuellen Text verlängert – ich poste hier nur das jeweilige Bild – und verlinke es (quasi) nach Innsbruck, wo ich derzeit sehr gerne wäre. Danke für die Einladung, wir sehen uns!

 

13. Dezember: Nichts von Belang

12. Dezember: Ob die Wände heute senkrecht stehen?

11. Dezember: Wohnung putzen (für L.)

10. Dezember: Fernsicht, Nahsicht

Mittwoch, 9. Dezember: Über die Müdigkeit

Dienstag, 8. Dezember: Gebenedeit, vermaledeit

Montag, 7. Dezember: Tiere, Sterne, Satelliten

Von der geschätzten Kollegin Dominika Meindl eingeladen, einen Blogtext zu ihrer Regessionsdisko beizutragen. Heraus kam etwas, das mit diesem Satz beginnt: „Die Zeit ist eine Mischmaschine und daher könnte sich alles, was Manfred und ich im Vorfeld seriöser Erwachsenheit erlebten, durchaus an Samstagen zugetragen haben.“ Zum ganzen Text samt Erinnerung ans rote Puch Maxi, an Schulterpolster und Sperrtage, die nie ein Samstag waren, kommt man auch durch einen Klick aufs Bild. (Danke, Dominika!)

 

Ich leg die Kamera mitten hin. Kommt eh kein Auto. Viertelstundenlang keins. Selbstauslöser. Mach du, sag ich. Die Kamera macht. Passt? Fragt sie. Ich sag: Passt.

Komm ich nach Eferding, war es so vor ein paar Stunden: Rollkofferrattern von der Haltestelle Industriegebiet keine zehn Minuten zum Haus der Eltern und ums Haus der Eltern herum, bis nichts mehr rattert, weil Gras. Vorher im Park war Laub, knisternd, bald Herbst, aber äußerst schöner Tag in seiner Abendneige. Im Garten die Eltern, barfuß oder fast barfuß, halb in leichten Schuhen. Der Vater holt Sessel aus dem Schuppen, in dem die Plastiksessel wohnen und die Werkzeuge daneben und der Rasenmäher und irgendwo wär was zum Aufblasen für den runden Pool. Die Mutter hat zum Trocknen aufgelegt das schöne Neugestrickte, frischgewaschen, gelb. Sie zeigt zum Apfelbaum: Schau, die Äpfel sind geerntet. (Ich weiß im Keller: Gläser, Apfelmus.) Wir reden, reden, reden, bis ich weiter muss, bis ich …

… rollkoffernd die Straße hinauf und am Kreisverkehr kurz angehupt, ein Freund grüßt im Pressieren und weg ist er, ich seh ihm nach. Im Hof vom alten Haus fünf Minuten Konversation: die Schwester am Balkon, ich unten, Wortbälle werfen wir uns zu (bist du, hast du, brauchst du, wirst du, bis dann!). Parke den Koffer, wasch mir die Hände, raus bei der Vordertür, bei der großen Tür, bei der alten Wirtshaustür, die der Schwester gehört und mir gehört, also uns gehört (auf eine Art).

Kaffeehaustreffen am Hauptplatz, der sich Stadtplatz nennt, der Platz genug hat zum Draußensitzen, mit schwarzem Hund daneben, der später sich die Leine schnappt und daran zerrt, der sich zottelschwarz verliert in der Nachtwerdung, der uns vorbeiführt an der Freiluftsitzung der Frauen von der Bücherei im Mittergrabendämmer. Der Bücherenge ausgewichen unter freien Himmel. Wechselseitig laden wir uns ein zu dieser Lesung, zu jener Präsentation.

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Die Redaktion von Lesart – das Literaturmagazin – lädt in der Reihe Autor*innen empfehlen Autor*innen dazu ein, im Frühjahr 2020 erschienene Bücher vorzustellen. Nachdem sich Birgit Birnbacher (Bachmannpreis 2019) für mein neues Buch entschieden hat (danke!), war ich an der Reihe. Entschieden habe ich mich leichten Herzens für Herrmann, den vor kurzem im Droschl Verlag erschienen Roman von Bettina Gärtner.

Hier mein Beitrag zum Nachhören:

Und hier der Text zum Nachlesen:

Herrmann von Bettina Gärtner

Es ist die Sprache mit ihrer in feinen Nuancen changierenden Färbung, die über die Erzählung hinaus Stimmungen schafft, grundverschiedene Atmosphären der Lebenswelten der Titelfigur. Aber, ob diese Welten tatsächlich so verschieden sind? Herrmann ist nicht nur der unkündbare Angestellte im mittleren Management. Er führt die Hundezucht des verunglückten Vaters fort und weiß nicht, ob er das wirklich möchte. Dem Elternhaus gegenüber wohnend, in einer Landgemeinde, aus der er in die Bundeshauptstadt pendelt.

Abends warten Mutter und Schwester, Herrmann schlüpft der Mutter zuliebe in die Hausschuhe des Vaters, was bei Bettina Gärtner so klingt: „Er betrat sein Elternhaus nicht erst seit dem Unglück nur noch mit dem Wunsch, es schnell wieder zu verlassen. Wie immer scharrten die Hunde hinter der Tür, und die Hausschuhe seines Vaters brachten ihn aus der Fassung.“ (S 61) Den Rest des Beitrags lesen »

Markusplatz

03/02/2020

Auf der Suche nach etwas völlig anderem finde ich ein Bild von mir. In einer schwarzen Mappe, ganz unten in einem Karton. Einem von mehreren, die unausgeräumt im Kasten stehen. Nicht warten. Sondern einfach sind. Seit der großen Übersiedlung, der Inhalt soll (und wann?) in Ruhe sortiert werden, zumindest einmal noch befühlt.

Musste, um zu dieser schwarzen Mappe zu kommen (die nicht das Ziel war), alle anderen Kartons erst aus dem Kasten heben, ausräumen, wieder einräumen, wegstellen, nächster Karton. Das Gesuchte fand sich nicht in der Form, in der es sich hätte finden lassen können, liefe heuer etwas nach Plan.

(Der Jänner wortleer und schwer. Der Februar, der Februar? Das wird sich noch erweisen.)

In der Mappe: Negativstreifen und Fotos, seit gut zehn Jahren nicht in der Hand gehabt. Ich muss um die zwanzig gewesen sein, als ich die Bilder gemacht und mit Hilfe eines Freundes in der Dunkelkammer entwickelt habe.

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