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Was wild ist und was so geworden sein möcht

31/08/2022

Eröffnungsrede für die Ausstellung Die wilde Frau der Künstlerinnen der Eferdinger Künstler/innengilde im Juni 2022. Das Thema der Ausstellung bezieht sich auf den Wilden Mann von Eferding (Link zu OÖN), der auch im Stadtwappen zu sehen ist. Der Legende nach wurde er aus Stroh und Fellen gebaut und mit viel Getöse hinter der Stadtmauer aufgerichtet, um die Räuber zu vertreiben, welche Eferding belagerten.

(c) Künstler/innengilde Eferding

Was wild ist und was so geworden sein möcht

Was wild ist, hat spitze Zähne. Sie ragen aus dem Mund, sie stehen kreuz und quer. Sie stehen quer zur Welt und so, dass sie den Mund aufkratzen. (Oder sind es Lefzen?)

Beißt sich das wilde Wesen in die Lippen oder presst diese zusammen, bohren sich die Zähne (die Fangzähne?) ins eigene Fleisch, wodurch Blut fließt, und muss nicht viel fließen, ein wenig aus den Mundwinkeln. (Oder ist es ein Maul?) Ein, zwei dünne Blutspuren, frisch, eingetrocknet, verwischter Lippenstift.

War die Bemalung sorgfältig geschehen, hat sich dieses Wesen, das keine Frau sein muss, das alles sein kann, aber oft eine Frau ist. Hat sich vor dem Spiegel hergerichtet für den Tag, für die Arbeit, für den Anlass, für sich selbst. Hat sorgfältig oben und unten und Bogen und das kleine Herz in der Mitte.

Zuvor die Kontur nachgezogen. Innerhalb dieser soll geblieben werden, nicht über den Strich hinaus. (Die Ausmalhefte der Kinder, hier ist die Sonne, das Haus, der Baum, die Blume mit fünf Blütenblättern.) Nichts darf über die vorgedruckte, vorgezeichnete Kontur, die eine Grenze ist, ragen oder gar sich verlaufen in kleine Falten.

Im Spiegel ein halbgeöffneter Mund, auf dem es blutrot glänzt.

Geht aus dem Haus das Wesen, das keine Frau sein muss, aber oft eine ist, hat sich hergerichtet im Äußeren für den Anlass. Duften nach Frische Körper und Wäsche. Ist gezähmt in Duftigkeit.

Verliert sich das Frische im Lauf des Tages, des Jahres, der Jahre. Kein Perfektes lässt sich bewahren, außer es ist eingefroren, in Stein gemeißelt, in eine Vitrine gestellt. (Gibt aber Hitze und Hämmer und Glasbruch.)

Kein Perfektes lässt sich bewahren auf ewig, dazu kommt. Dass es, dieses Wesen, sagen wir, es ist oft eine Frau, dass es oder sie sich im Lauf des Tages, des Jahres, der Jahre zumindest einmal, wenn nicht mehrmals, unbedacht über das Gesicht wischt. Im besten Fall.

Im schlechtesten Fall wird ihm, dem Wesen (oder ihr, der Frau) das Gesicht gewischt. Und verwischt sich so das Lippenrot über die Wange. Und mischt sich in ein Farbenspiel, geht von schwarz über blau ins Gelbgrün.

Aber.

Was wild ist von Geburt erbt seine Farben. Wird eins mit Rinde, mit Erde, mit Schiefer, mit Grau. Ist Vorsicht, ist auf der Hut. Setzt leise Schritte. Schüttelt sich die Federn auf und dreht den Kopf nach allen Seiten. Hat offen das Gehör, hat offen das Geschau und das Gespür. Und dreht und dreht den Kopf. Fliegt auf im Zweifel noch vor dem Schlag.

Das andere Wild ist aus Angst geboren, aus Zweifel. Aus Hunger gebiert es sich und kommt zur Welt und die steht ihr entgegen. Aus Schmerz und Sorge und der Luftlosigkeit wächst es, aus Enge und Beengung und ist nicht frei gewählt. Hat Narben, hat Wunden und keine Wahl, außer zu wählen zwischen Anpassung, Untergang und dem zähen, dem langwierigen Streben nach ansatzweiser Verwilderung. Bei der die Sehnsucht ist.

Weil.

War gezähmt von klein an, das Wesen, das oft, aber nicht immer, eine Frau ist. Hat gelernt, die Formen und Figuren in den Ausmalheften ordnungsgemäß mit Buntstift zu befüllen, kein Strich über der Kontur, die Sonne gelb, der Himmel blau, die Wiese grün. (Die Haut hat diese Farben nicht. Der Haut werden sie eingeprägt durch Anwendung von Gewalt.)

Hat in der Schulbank gelernt die Schönschrift und brav sich zu erheben und aufzustehen und die Obrigkeit zu grüßen. Hat gelernt, dass nur wert ist, wer Mehrwert schafft und dankbar ist dafür, fremde Taschen zu füllen und sich zu begnügen mit. Weniger, als ihm zusteht. Oder ihr?

Hat gelernt, den Griff in den Nacken zu ertragen, das Kleingehaltenwerden. Das sich Ducken unter einen Deckel, auf den ein Gewicht gelegt wurde und wird und immer weiter wird. (Und ist das eigene nicht.)

Es gibt die Ansicht, dass alles Lebendige, egal welcher Art und Sorte und Anzahl der Beine und Länge der Finger und Gelenke, dass alles und jedes wildgeboren das Licht erblickt. (Es hat im Bauch der Mutter in allen Farben gebadet, in allen Tönen, Sonar und Wellengerausch im Innersten des Wals.)

Es gibt die Ansicht, dass den einen (jenen mit Federn, Fell, Schuppen) das Überleben gelehrt wird, zwischen Lianen und Flechten, hinter Wasserfällen. Das sich Zurechtfinden und Einhergehen mit dem Lauf der Jahreszeiten.

Und dass den anderen (uns Nackten) beigebracht wird, sich einzufügen in die Mechanik des Geldmarktes.

Aber kommt die Belagerung und mit ihr die Not. Und wird das geschundene Wesen einmal zu oft geschunden. Dann gibt es, um sich zu befreien, dem Wilden einen Ausdruck, wird es (wird sich) gemeinsam, in einem gemeinsamen Kraftakt über die Mauern heben und ein Zeichen setzen: So schau ich aus.

Was wild geworden ist, spielt viele Farben. Es spielt und nicht: Es lässt sich spielen. Es, das Wilde, das wild gewordene Wesen, das nicht immer, aber oft, eine Frau ist, spitzt selbst die Farben an und sticht damit hinein in eine Leinwand, in Holz, in Marmor, Stein und Eisen und bricht die Liebe nicht.

Und trägt sein Wildsein unter der Haut und seine Zähne quer im Mund. (Oder ist es ein Maul, ist es ein Schnabel.) Steht quer zur Welt, das Wesen, verwischtes Rot auf seiner (auf ihrer) Wange und hält den Hammer in der Hand.

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