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Ö1-Radiokolleg: Wie es war und wie es ist

15/03/2021

Am 15. Februar 2021 brachte das Ö1-Radiokolleg unter dem Titel 9 x Österreich: Erkundungen in Oberösterreich Kolumnen von Schriftsteller/innen, jeweils selbst eingesprochen. Darunter zwei Texte von mir. Sieben Tage (bis 22. März, 9 Uhr) kann die Sendung nachgehört werden: Sieben Tage Ö1 – 9 x Österreich

Hier zum Nachlesen mein Text Nummer eins. 

7. Februar 2021, zehn Minuten vor Mitternacht, ich steh im Torbogen, die Schmiedstraße glänzt.

Wie es war und wie es ist

In der Nacht vom 7. auf den 8. Februar 2021 ziehe ich gegen Mitternacht die Stiefel an, setze eine Haube auf und wickle mich fester in die Jacke.

Zuvor bin ich am offenen Fenster meines Arbeitszimmers gestanden und habe dem Schnee beim Fallen zugesehen. Seit gut zwei Wochen bin ich in Eferding, im alten Haus, das unsere Eltern bis 1998 als Gasthaus führten.

Ich suche die roten Handschuhe, finde sie und stehe kurz darauf vor der Tür. Keine Autos, keine Menschen, die Schmiedstraße glänzt dunkel, es ist still bis auf ein vielstimmiges Tropfen; der Schnee fällt dünn und schmilzt sofort. Aber es könnte kälter werden, daher streue ich etwas Salz auf den Gehsteig. Dann hocke ich mich hin. Im Torbogen unseres Hauseingangs, einfach so.

Als Kind war das einer meiner Lieblingsplätze. Vor allem an Sommerabenden, wenn es ruhig geworden war in der Stadt und der Asphalt noch warm. Dann kauerte ich, wie jetzt, im Eingang oder saß wagemutig direkt auf dem Bordstein. Die Autos kamen aus der anderen Richtung, die Einbahn wurde später umgedreht. Früher fuhr man in die Stadt hinein. Heute fährt man aus ihr hinaus. Auch das Pflaster wurde erneuert, das Niveau der Straße dem Gehsteig fast angeglichen. Kein Sitz mehr für Kinder.

Aber auch keine Wirtshauslebendigkeit im Rücken, kein Licht hinter den großen Gastzimmerfenstern, kein Soundteppich, zusammenflickt aus Worten, Lachen, dem Klirren von Gläsern und Tellern und Besteck auf Porzellan.

Ich, die jüngste Tochter, war verträumt, stellte mir, die Schmiedstraße hinauf- und hinunterschauend, oft vor, etwas Großes würde kommen. Etwas Abenteuerliches. Manchmal wiegte ich mich leicht im Hocken, ich weiß es, weil sich das Wiegen in der Nacht im Februar 2021 wieder einstellt, von ganz allein, in dieser Stille, in der die Flocken größer werden und dichter fallen.

Mit dreißig bin ich mit meinem damals elfjährigen Sohn nach Wien gezogen, wo ich seit über zwei Jahrzehnten lebe und somit beide Welten kenne. Hier wie dort wird das jeweils Gegenteilige gern schlecht geredet. Die einen können sich nicht vorstellen, in Wien zu wohnen, den anderen wäre eine ländliche Kleinstadt wie Eferding zu. Ja was?

Hier am Land ist man Nähe und Bekanntschaft eher ausgeliefert, läuft man sich oft über den Weg und hat somit reaktionsschnell zu entscheiden: Bin ich freundlich, abweisend, neutral, verlogen, direkt, beliebig? Bemerke ich die mir Entgegenkommenden, kann ich mich verschließen, verstecken, öffnen, nehme ich Anteil? Bin ich neidig? Freue ich mich, für sie, für ihn, für uns?

Für mich der einzig wesentliche Unterschied: In Wien verdünnt sich das Zufällige, lässt sich Begegnung und Nichtbegegnung besser steuern. Mache ich es mir zu einfach?

Letztlich ist es so: Ich, eine gegen die Kälte im Torbogen zusammengekauerte Kugel, in den Zauber der nächtlichen Straße versunken, in der es fällt und glänzt und tropft, stehe erst auf, als sich ein Auto nähert.

In Wien hätte ich das wohl nicht getan. (Was, ist die Frage: Mitten in der Nacht in einem Hauseingang zu hocken oder aufzustehen, weil mich jemand bemerken könnte?)

PS: Manchmal gibt es sie jetzt wieder, diese alte Wirtshauslebendigkeit, das Licht hinter den großen Gastzimmerfenstern, den Soundteppich aus Worten, Lachen und Gläserklirren. Dann wird in unserem Eferdinger Gastzimmer gefeiert. (Es war vor der Pandemie so und es wird danach wieder so sein.)

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