Frauen – mit und ohne Tiger

08/03/2019

Anlässlich des heutigen Frauentages: Meine Rede zur Vernissage WEIBSBILDER – die Frauen der Künstlergilde Eferding stellen aus (April 2017)

"Progress" (c) Evelyn Kreinecker

„Progress“ (c) Evelyn Kreinecker (www.evelynkreinecker.at)

Weibsbilder

Bei meinem letzten Besuch in Eferding bin ich an dem leerstehenden Geschäft vorbeigegangen, das zum Raum Eurer Ausstellung aufgewertet wurde – und in dem ich nun meine Rede vorlese. Ich habe damals die Nase an die Auslagenscheiben gepresst, gespechtelt und gespäht. Im Halbdunkel die Schemen von Bildern, an die Wände gelehnte Kunst, bereit zum Aufhängen. Ich habe online nach den Künstlerinnen geforscht, mich durch Galerien geklickt.

Natürlich hätte ich direkten Kontakt suchen können, aber dass mit der Direktheit der Begegnung ist manchmal eine schwierige Sache. Die, ich weiß es, mit einem leichten Herzen einfach gelingt. Nun, ein solches steht mir nicht immer zur Verfügung, wenn ich es brauche.

Aber ich erinnere mich gut an das, was ich im Haus von Daniela Gauder gesehen habe. Sie hatte meine Schwester und mich vor einigen Monaten zu sich eingeladen, um über diese Vernissage zu sprechen. Daniela zeigte uns auch ihre Werkstatt, ein inspirierender, dichter Blick in das Geflilzte, Genähte und Gemalte. Überall lugt und drängt es hervor, das ist etwas direkt Gelebtes, genauer noch: etwas Ausgelebtes.

Matrioschka, Nähtechnik, 2015, (c) Daniela Gauder

Matrioschka, Nähtechnik, 2015, (c) Daniela Gauder

Ich vermute: Auch bei den anderen Frauen, die hier ihre Werke präsentieren, werden Farben und Formen Land erobert haben, Regale und Böden besetzt sein. In allen Ateliers sieht es doch ähnlich aus, oder? Pinsel und Meißel, Stoffe, Leinwände und Steinblöcke, Skizzen, Entwürfe, Modelle greifen um sich, belagern Lebens- und Wohnraum. Überall das gleiche Bild.

Aber nein. So wird das wieder nichts. Im Gleichen steckt keine Vielfalt. Auch unter uns Autorinnen arbeitet jede anders, gibt es unterschiedlichste Routinen und Wege, diese Routinen zu durchbrechen. Worum geht es mir hier?

Darum, ob Frauen – als Künstlerinnen und generell – anders zu betrachten sind als Männer? Ein Gedanke, gegen den ich mich bislang wehrte. Vielleicht habe ich aber nur nicht genau genug hingesehen.

Die Frau an sich ist der Kunst geliebtes Objekt. Sie wird gemalt, aus Stein gehauen, mit Stoffen umhüllt, beschrieben. Sie wird in den Himmel gelobt und eingefärbt, als gut, als böse, als fein. Als das Weibliche dem Männlichen gegenübergestellt, der heilende Einfluss der Liebe, das samtige Wogen der Mütterlichkeit, die Schönheit, die Muße, das Gegengewicht zu Machtstreben, Aggression und Verletzung. Das in tiefer Trauer gesenkte Haupt der Muttergottes, die den Leichnam ihres Sohnes in den Armen wiegt.

Weibisch ist ein Schimpfwort, und Mannweib ist eines, und wenn Jean d‘Arc auf dem Scheiterhaufen verbrennt, wird als ihre letzte Bewegung jene der Augen in den Himmel dargestellt, um dem Herrn, also wieder einem Mann (zumindest, wenn man der traditionellen Denkweise folgt) entgegenzusehen. Sich ihm hinzugeben.

Weibsbilder. In freier Assoziation fällt mir sofort Klischeehaftes ein. Frauen, die Frauen malen, malen diese oft üppiger, beziehen sich auf Sinnlichkeit und Sinneslust, auf Erotik also, auf Naturverbundenheit. Sagt man. Sagt wer? Sie setzen die Fruchtbarkeit in Szene, das machen Männerkünstler auch, aber anders. Ich habe mich, und das muss ich hier frei gestehen, noch nie mit dieser Frage beschäftigt: Malen Männer und Frauen anders?

Oskar, mein Malerfreund, manchmal führt er mich durch Ausstellungen, sagt dazu am Telefon: Ja. Schau dir das Bild „Mit einem Tiger schlafen“ von Maria Lassnig an. Es zeigt die Künstlerin selbst beim Geschlechtsverkehr mit eben einem Tiger. Ein Mann würde das so nicht malen. Ich würde gerne nachfragen, was das genau bedeutet, was er mir sagen will, aber ich habe den Fehler gemacht, in der U-Bahn zu telefonieren. Es ist zu laut, wir müssen das Gespräch abbrechen.

Mit den zugespitzten Gedanken über Weibsbilder und Kunst und Vielfalt sitze ich und schaue mir die Leute an. Die Frauen. Nehme Notizbuch und Bleistift und kann ein wenig loslassen. Ich notiere: Das Brave braucht einen Gegenentwurf.

Ich notiere weiter, was ich sehe: In der Station kniet eine Frau auf dem Boden. Unter sich ein Stück Karton gegen die Kälte, neben sich eine lindgrüne Stofftasche. Sie ist schwanger, auf einem Schild steht in großen Lettern etwas geschrieben.

Neben mir wartet eine junge Frau. Sie trägt ganz neue, halbhohe Motorradstiefel und hält einen blitzblanken Helm in der Hand. Als sie sich ein paar Schritte entfernt, knarren die Schuhe recht laut.

Am Stephansplatz steigen Mutter und Sohn zu. Der Sohn ist ungefähr Mitte 50, groß, verschwitzt, redet auf die Mutter ein, sie solle seiner Freundin eine Chance geben. Die alte Frau, nein, sie wolle mit der nichts zu tun haben. „Sie spielt nur mit dir und du merkst es nicht“, schimpft sie, sehr laut wird sie, sehr wütend, dann ganz leise. Am Schwedenplatz steigt der Sohn aus, verabschiedet sich, also dann, bis morgen. Ich sehe ihm nach, er verliert sich in der Menge, die Türen schließen sich. Ich beuge mich über meine Notizen. Als ich wieder hochblicke, direkt in das Gesicht der Mutter, hat diese die Augen geschlossen. Sie ist müde, die Mundwinkel ziehen tiefe Furchen, komprimierte Verbitterung, gelebtes, geliebtes Leid.

Wieder wechseln die Menschen. Vor mir die nächste alte Frau, die Beine in dunkelgrauen Strümpfen, wie ihre geschwollenen Knöchel in den Schuhen stecken, das sieht schmerzhaft aus.

Eine Jüngere, ich schätze sie auf Anfang dreißig, lehnt neben der Tür und tippt in ihr Smartphone. Tippt, liest, tippt, dann lächelt sie auf eine sehr schöne Art.

Eine Frau richtet ihr Kopftuch. Ihr gegenüber sitzt eine Gruppe Schülerinnen, im vollen Selbstverständnis ihrer Mädchenhaftigkeit. Eine junge Mutter schiebt den Kinderwagen sachte vor und zurück, beruhigt das Baby.

Viele der Frauen, die mir hier begegnen, fahren offensichtlich von der Arbeit nach Hause, grau vor Erschöpfung. Sie haben noch schnell eingekauft, fast jede trägt eine volle Tasche, einen Korb. Vielleicht steht heute noch der Haushalt an, muss gekocht werden, die Familie versorgt. (Oskar, dem ich später davon erzähle, meint: Da bleibt ja keine Energie mehr für die Kunst.)

Ich steige aus. Gehe über die Straße, in meine Wohnung. Setzte mich zum Schreibtisch und suche das Bild im Internet. Mit einem Tiger schlafen. Maria Lassnig verblasst unter dem kräftigen Tier. Was für ein Werk. Es macht mich stumm. Ich ahne, hier gibt eine Verknüpfung zu den Frauen in der U-Bahn, ich könnte einen Bogen ziehen zu dieser Ausstellung hier, das Ganze liegt mir wie ein Wort auf der Zunge, dass sich grad nicht finden lässt.

Eure Kunst, werde ich sagen, spricht für sich selbst. Sie braucht mich dazu nicht. Sie großartig und eigenwillig, leise und müde, sie träumt und zweifelt, will hinaus in die Welt, ist beides, unterwegs und angekommen.

Eferding, 20. April 2017

In den Räumlichkeiten des ehemaligen Stöcker zeigten Daniela Gauder, Marianne Gottsbachner, Andrea Groisböck, Karin Hehebberger, Nicole Hochholzer, Elke Huber, Evelyn Kreinecker, Sybille Pflügelmeier und Ursula Schindlmayr ihre Arbeiten aus Malerei, Grafik, Zeichnung, Fotografie und Skulptur.

Weitere Infos und Kontakte zu den Künstlerinnen: Künstler/innen-Gilde Eferding

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