Andere Seiten: Kaiser, Knie und Gurkerl

14/05/2019

Im Eferdinger Becken übersiedeln viele Gurkerl vom Feld ins industrielle Einmachglas. Ich hatte – weil in Eferding aufgewachsen – somit keine andere Chance, als dieses Bild wörtlich zu nehmen: sich lieber ein Gurkerl ins Knie zu schießen, als etwas Bestimmtes zu tun. Wie es wohl wäre, sich tatsächlich ein grünes Essiggurkerl ins Mädchenknie zu befördern per – ja, welcher Abschussmechanik? – überlegte ich und beließ die Angelegenheit im Ungenau der Fantasie.

Der Kaiser ist schuld.

Die Wahrheit ist viel banaler: Sportjargon. Ein Gurkerl oder Klapperl nennt man den zwischen den Beinen des Gegners durchgeschossenen Ball. Eine Demütigung, die sich steigern lässt, wenn angekündigt. (Vulgo: Das angekündigte Gurkerl.)

Aber wie kommt‘s, dass mir der alte Spruch einfällt? Der Kaiser ist Schuld. Er fordert meinen Widerstand heraus in Form von Werbung. Fragt darin seinen Obersthofmeister, wo die Leut wären. Bekommt die Antwort: Die neue Kundenkarte anmelden. „Brav!“, meint der Kaiser. Und schickt ihn fort, den Untergebenen. Wohin? Na anmelden, natürlich. Der Obersthofmeister springt auf, zackig: „Zu Befehl!“ Und weg ist er. Die Blätter fliegen.

Der Kaiser ist Schuld, sag ich. Und bleib dabei. Bring eins von den Gratisblättern mit nach Hause. Normalerweise werden die U-Bahnen damit gepflastert, man sollt’s nicht anrühren, das Zeug. Tu’s doch, weil: Dem Schreititel ist ein Werbetitel vorgespannt. Darauf ein strenger Blick. Der Kaiser schaut einen an, hinter ihm hält sein Obersthofmeister die goldene Karte ins Bild. Und drüber? In fetten Balken: Heute ein bisserl brav sein.

Daher: Ins Knie schieß ich mir ein Gurkerl, bevor ich es beuge oder eine Verneigung andeute oder einem Befehl folge, auch und vor allem dem, ein „bisserl brav“ zu sein. Fragen Sie meinen ehemaligen Chef, von mir aus, fragen Sie alle ehemaligen Vorgesetzten bis zurück in die Schulbank, ich zeig Ihnen auch die Betragensnoten, die mir damals ins Zeugnis eingeschrieben wurden. „Zufriedenstellend“. Nicht „Sehr zufriedenstellend“, das „Sehr“ wurde mir verwehrt, ich weiß bis heute nicht, warum.

Ein Zufriedenstellend in einer Volks- oder Hauptschule im Eferding der 70er-Jahre, das war schon nah dran an jugendlicher Renitenz. Erinnert sich jemand an mein Ich von früher und weiß, wo ich das „Sehr“ verloren habe?

Das „Sehr“ liegt wohl dort, wo auch mein Humor begraben ist.

Denn der Kaiser, liebe Karinowitz, ist doch nur ein gespielter, nur der aus dem Fernsehen, haha, vor dem die Leut per Spaß buckeln und rückwärts rausgehen. Ergebenster Diener, der Ihrige nämlich.

Und die Leut, liebe Karinowitz, die im Fernsehen folgsam aufstehen und mit dem Taschentüchl wedeln, sind auch nur ein gespielter Hofstaat, eine kleine, liebe Auszeit nehmen sie sich vom echten Dienen im echten Leben.

Dass ich keinen Humor hab und dass ich nicht alles so ernst nehmen soll, wird mir gesagt und angeraten, wenn ich mich über die vorgetäuschte Unterwürfigkeit vor dem TV-Kaiser beschwere. Weil, ob das Vorgetäuschte nicht doch ein wenig der Wahrheit entspricht in Resten, in Annehmbarkeiten? Ich glaube: schon.

Ich glaube: Ein Tauschhandel, zumindest ein Vortäuschhandel ist es. Und das sag ich nur, weil in uns allen etwas kriecht, folglich auch in mir selbst.

Daher von wegen: zu Befehl. Ich zerschneide meine Billa & Co-Karten und schmeiß die Jö-Werbung, postalisch an mich adressiert, in den Mist.

Das österreichische Kundenkartensystem ist mir schon längst nicht mehr geheuer. Rabattsammeln als Einkaufssport der Nation? Punkte und Prozente als Kaufanreiz? Brauch ma das? Offensichtlich. In Deutschland sind die Lebensmittel übrigens im Durchschnitt um fast 24 Prozent billiger. Sagt die Statistik, sagt dieser Presse-Artikel, sagt nicht der Konzern REWE & Co.

Fühlt sich an wie ein angekündigtes Gurkerl. Besser wohl, ich geh vom Feld.

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