Vorsicht, nackte Mutter!

30/08/2005

Urlauben mit einem 16-jährigen griechischen Gott

Niemals konnte ich mir auch nur ansatzweise das leisten, was man (also zumindest mein Sohn) als „richtigen Urlaub“ bezeichnet. Darunter stellt er sich vor: Strand, Hitze, mächtige Buffets zum unbegrenzten Nachladen und – vor allem – die Reise per Flugzeug.

Unsere Urlaube waren: Gardasee (Zelt), Kroatien (umgebauter VW-Bus mit Bremsproblemen), 3-Tage-Eurodisneyland (Reisebus, Nonstop Linz/Paris). Wie auch immer, in allen Varianten war das Platzangebot ähnlich ausufernd wie in einem Geburtskanal – und bevor jene Phase antritt, in denen sich das Kind weigert, gemeinsam mit der Mama zu urlauben, wollte ich eben jenes noch nachholen: „richtig“ urlauben. Etwas, von dem ich ungefähr ähnlich viel Ahnung habe wie vom Brotbacken.

Mein Geschenk zu Johnnys 16. Geburtstag war also eine Reise. Die Würfel fielen auf eine Woche Chalkidiki, Griechenland – und es war furchtbar. Obwohl es auch schön war. Zumindest die Hitze war schön. Und das Meer. Abgesehen von den Seeigeln, in die wir abwechselnd latschten. Wir hatten auch keinen Fernseher im Zimmer, das war auch schön, und viel Zeit zum Reden – was wir hin und wieder sogar machten.

Ansonsten war uns fad. Nicht der schlechteste aller Zustände. Johnny las ein ganzes Buch (mit ganzen Sätzen) in einer Woche, noch dazu ein gutes („Der Fänger im Roggen“). Ich las, weil ich mich noch weniger bewegte als er, zweieinhalb Bücher von jener Sorte, denen man einen Kuss auf den Buchdeckel drückt, sobald man fertig ist – darunter „Sehnsucht nach Sibirien“ von Per Petterson. Sehr passend bei 35 Grad im Schatten.

Aus Angst vor den endlosen Nächten im Touristenghetto zögerten wir das Abendessen so lange raus wie irgend möglich, begutachteten vorher den Bräunegrad des jeweils anderen und machten uns gegenseitig Komplimente. (Johnny zum Beispiel: „Dir steht braun eh nicht so gut, Mama, das passt gar nicht zu dir.“) Da wir uns ein Zimmer teilten, uns aber nicht mehr im Zustand paradiesischer Nacktheit voreinander präsentieren, durften sich die Zimmernachbarn wundern. Über Rufe wie: „Vorsicht, nackter Johnny!“ oder „Vorsicht, nackte Mutter!“ Ich bin nackt seit geraumer Zeit das Allerletzte, das Johnny sehen will – und der Schlachtruf reichte, um seine Augen zu verschweißen.

Beim Abendessen selbst schauten wir diversen Touristenkollegen in verschiedenen Abfüllgraden zu und flirteten (also ich) mit den (also einem) Kellner(n). Johnny nahm sich vom Buffet nur soviel, wie er wirklich essen konnte – er schämte sich für die Gier der andern und dafür liebe ich ihn.

Aber auch für den Tag in Thessaloniki, wo wir durch die emsige Stadt schlenderten, diverse antike Trümmer im Vorbeigehen streiften und den lieben Gott/Allah/Zeus einen guten Mann sein ließen. Bei diesem als Shopping-Tour getarntem Ausflug gaben wir zehn Euro für ein T-Shirt aus und 16 Euro für den Friseur – und als Johnny mir dann frisch geschoren und gekämmt, braungebrannt, mit seinen billigen Sonnenbrillen beim McDonalds gegenübersaß, von innen leuchtend wie ein junger griechischer Held an der Schwelle zu tausend Abenteuern – da ging mir schlichtweg das Herz über vor Stolz und Zuneigung. Allein für diesen Moment hat sich der Urlaub gelohnt.

(Ich sag’s ja. Vorsicht, nackte Mutter: Wenn es um meinen Sohn geht, bin ich ein emotionales Nackerbatzl.)

%d Bloggern gefällt das: