Johnny, der Kurde und die Couch

30/09/2005

Gibt es so etwas wie Männergespräche?

Ich kann nicht über Johnny schreiben, ohne irgendwann den Kurden zu erwähnen. Denn in meinem Freund hat mein Sohn etwas gefunden, das für allein erziehende Söhne sprichwörtliches Manna ist (auch wenn der Kurde nicht eben vom Himmel fiel): einen Couchgefährten.

Der Kurde hatte von Anfang an ein Händchen für den Knaben. Psychologisch einwandfrei könnte man sogar sagen: Er holt Johnny dort ab, wo der sich gerade befindet. Und das ist in neun von zehn Fällen die Couch. Gut, das war böse. In acht von zehn Fällen. Wobei das verhunzte Therapeutenvokabel „abholen“ natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist. Ist es ja nie. Gott, ich könnte jedem, der „abholen“ im Psychotantenjargon verwendet, ins Gesicht springen, mittlerweile. (Genau genommen müsste ich jetzt mir ins Gesicht springen.) (Noch genauer genommen holt der Kurde den Knaben auch gar nicht ab. Er setzt sich einfach auch auf die Couch.)

Also: Johnny, der Kurde und die Couch. Die Längslänge nimmt der Kurde ein, die Querlänge der Halbwüchsige. Die beiden unterscheiden sich hauptsächlich durch die leicht dunklere Färbung des einen, sieben bis acht Zentimeter Körperlänge und etwa 15 Kilo Masse und, ach ja, der Kurde trägt Brille und hat mehr Bart, wenn es nicht gerade Donnerstag und er folglich frisch rasiert ist. Mit dem Einschalten des Fernsehers gleicht sich auch das intellektuelle Niveau der beiden an. Was nicht unbedingt heißen muss, dass Johnnys IQ steigt. Die Lieblingssendung des Kurden ist „King of Queens“, alternierend mit Schwergewichtsboxen und wehe, es läuft „Miami Vice“. Oder „Raumschiff Enterprise“ in egal welcher Entwicklungsstufe.

Läuft grad nix im Fernsehen, das knallt, rumpelt, explodiert, blutet oder zumindest knapp angezogen und sexy ist, unterhalten sich die beiden. Worüber? Über Dinge, die knallen, rumpeln, explodieren, bluten oder zumindest knapp angezogen und sexy sind.

Der Kurde spricht eindeutig mehr Sprachen als Johnny, nämlich fünf. Andererseits spricht Johnny einwandfreies Oberösterreichisch, sowie diverse Mixformen bis hin zum (fast) lupenreinen Hochdeutsch. Zählt das? Sein noch etwas holpriges Schulenglisch gleicht er durch einen unglaublichen Charme aus, den er eindeutig von mir geerbt haben muss. Oder von seinem Opa, der ist auch so. Egal.

Die Sprache, die von den beiden Jungs auf meiner Couch gesprochen wird, ist mir übrigens völlig fremd. Sie riecht nicht nur irgendwie anders, sie fühlt sich auch anders an. Und manchmal webt sie einen unsichtbaren Grenzzaun um die Couch, der mich ausschließt. Drinnen: der Kurde, Johnny und das undefinierbare, aber wahrscheinlich eindeutig männliche Etwas. Draußen: ich.

Vielleicht ist der Kurde ja doch vom Himmel gefallen. Geschickt als dringender Ausgleich für das weibliche Übermaß in Johnnys Leben – Kindergärtnerinnen, Volksschullehrerinnen, Mittelschullehrerinnen, Nachhilfelehrerinnen, Großmütter, Tanten, Freundinnen – und ich. War nicht sogar Godzilla ein Weibchen?

Wundern würd’s mich nicht.

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