Dividieren im Schnee

15/11/2005

Meine Eltern, die Schule und ich

Meine Eltern sind gute Menschen. Warmherzig, gelassen, hilfsbereit. Mein Vater, der in jungen Jahren Rita Hayworth bekochte, deckt eine ganze Kleinstadt mit Weihnachtskeksen ein (ganzjährig). Meine Mutter bestrickt nicht nur charakterlich, sondern auch tatsächlich: Gib ihr einen Knäuel Wolle, sie macht daraus einen Pulli, den du nie wieder ausziehen willst.

Ich liebe meine Eltern samt Keksen, Pullis, Familientreffen und dem Nachbarkater Moses, der die beiden adoptiert hat. Und weil das so ist, schwöre ich an dieser Stelle Stein und Bein, dass ich in ihrer Gegenwart nie wieder die Killerkombination „Johnny“ und „Schule“ erwähnen werde. Das ist nämlich passiert: Sie ist mir aus dem Mund gefallen, während ich mit meinem Vater telefonierte. Ich wollte sie noch zurückstopfen: zu spät.

Alles fing ganz harmlos an. Wir unterhielten uns über dieses, jenes und Johnnys neue Lehrstelle, die ihm wirklich gefällt. Und dann meinte ich, der Knabe müsse jetzt nur noch die Berufsschule ernst nehmen. (Die Worte kamen aus dem Hinterhalt, sie dürften hinter dem Gaumenzäpfchen gelauert haben.) Das ist wie beim Tennis. Du spielst einen Ball, der Gegner schlägt zurück.

Mein Vater schlug zurück: „Ja, du musst schon aufpassen, dass er lernt.“ (15:0) Ich konterte: „Johnny ist 16 und langsam selbst dafür verantwortlich. Wenn er Hilfe braucht, kann er jederzeit kommen.“ (15:15) Vater: „Das hast du schon gesagt, als er acht war.“ (30:15) Ich: „Das stimmt doch gar nicht! Das ist nicht fair!“ (Out, daher 40:15) Vater: „Warte, ich geb‘ dir Mutti.“ (Spiel, Satz und Sieg.)

Bitte. Ich habe mehr Stunden lernend an der Seite meines Sohnes verbracht, als ich je in meiner eigenen Schulzeit auf Lernen verschwendete. Der Beweis: Ich kann jetzt ohne Taschenrechner dividieren, sogar mit Kommastelle. Hatte ich vorher nie begriffen. Ich kenne die geologische Struktur meines Heimatortes besser als mein Bankkonto und habe entdeckt, dass auch Englisch grammatikalischen Prinzipien folgt. (Die Geschichte meiner Schulkarriere ist eine Geschichte voller Missverständnisse.)

Reden, motivieren, anspornen, schimpfen, verzweifeln, erleichtert sein: Es gab Zeiten, da hätte ich mir die Baldriantropfen am liebsten intravenös verabreicht, so nervös hat mich Johnnys Art gemacht, sich mit dem österreichischen Schulsystem zu konfrontieren. Seine Volksschullehrerin meinte einmal über ihn: „Johnny ist wie ein Schwamm. Er saugt jede Information auf, die er kriegen kann. Jede. Das kann eine Geschichte sein, die ich erzähle, oder die Schneeflocken draußen vor dem Fenster. Manchmal entscheidet er sich eben für die Schneeflocken.“

Das erinnerte mich allerdings an etwas: Ich war 16, wir hatten Betriebswirtschaftslehre und ich wachte erst aus meiner Versunkenheit auf, als der Professor vor meinem Gesicht herumfächelte. Was glauben Sie, was ich betrachtet hatte? (Kleiner Hinweis: Es war Winter.)

OK! Meine Eltern sind zu einschlägig vorbelastet, um das Thema „Schule und Johnny“ als das zu sehen, was es ist: Kein Problem. Der Knabe hat alles geschafft, was zu schaffen war. Er hat aus eigenem Antrieb und ohne Beziehungen eine wunderbare Lehrstelle gefunden und die grauen Haare, die mir in den letzten zehn Jahren gewachsen sind, könnte ich zur Not färben.

Vorerst ziehe ich mich in den warmen Strick meiner Mutter zurück, während sich die Weihnachtskekse meines Vaters überlegen, meinen Körper neu zu modellieren. Und denk‘ mir meinen Teil. (Draußen schneit es.)

%d Bloggern gefällt das: