Auf nach Florida

30/10/2006

Zu Charlie und Maurine

Ich bräuchte mich nur in einen Flieger zu setzen, mailt Charlie. Und keine Sorge, am Flughafen in Tampa würden sie mich dann schon aufgabeln, Maurine und er, und mit dem Chevy nach Ocala bringen – so wie ich sie vor fast genau einem Jahr am Wiener Flughafen aufgegabelt, in ein Taxi gesetzt und in die City gebracht hatte. Ich könne bleiben, solange ich wolle.

Vergangenen Oktober war es grad nicht mehr ganz so warm. Charlie und Maurine thronten zwischen ihren Koffern, im Partnerlook mit dünnen blau-roten Collegejacken, und das erste, was ich mir bei diesem Anblick dachte: Die müssen sich wärmere Jacken kaufen. Als er mich sah, humpelte mir Charlie auf seinen Stock gestützt entgegen. Maurine wuselte um ihn herum, kümmerte sich um Begrüßung und Aufbruch und Taschen-nicht-vergessen gleichzeitig, sog uns in ihren Strudel aus leicht hektischer Aktivität, bis wir schließlich schnaufend im Taxi saßen.

Vor diesem Zeitpunkt waren wir einander noch nie begegnet, hatten uns nur gemailt.

Charlie, der schon an die 80 sein dürfte, sein tatsächliches Alter aber verschweigt, ist einer von den WW2-Veteranen, mit denen ich 2005 Kontakt hatte. Er war schon mit 16 zur Army gegangen, wo er vorgab, 18 zu sein.

Als der Krieg kam, war er immer noch blutjung, kam zur Garde und schließlich als Besatzungssoldat nach Österreich. Er sei so berühmt, erzählt er gern, dass man ihm zu Ehren eine Sondermünze prägen ließ. Wenn man sich die 20-Euro-Silbermünze mit den „Vier im Jeep“ genau ansehe, dann erkenne man ihn deutlich. Meint Charlie, und dann wackelt der ganze Mann vor Lachen, dass man am liebsten ein Gerüst um ihn hochziehen möchte, damit er nicht umfällt. So gern hat man ihn da schon.

Aber der Mann fällt nicht um. Wir haben ihn per Straßenbahn durch Wien geschleppt, sind aufs Cobenzl gefahren, haben gemeinsam mit ihm versucht, die Vergangenheit einzuholen, die schon zu weit weg war. Wir sind langsam durch die Innenstadt gegangen, haben geredet, Eis gegessen und Charlie mit seiner „red sauce“ aufgezogen, die er sich über fast jedes Essen kippte. Schweinsbraten mit Ketchup.

Es war offensichtlich, dass sich hinter all seinen „Jokes“ ein großer, sensibler Mann verbirgt, der, wie er sagt, keine Angst vor dem Tod hat, aber, wie man spürt, innig der Beweglichkeit nachtrauert, die ihm das Alter nach und nach nimmt. Es berührt mich, wie sehr er trauert, wie wenig er es zugibt.

Solange er stehen kann, will Charlie arbeiten. Was er auch macht, obwohl er es nicht mehr müsste. Als Hilfssheriff in einem großen Gefängnis scannt er an drei Tagen in der Woche die Besucher auf Waffen. Maurine arbeitet auch noch, tippt beschlagnahmte Gegenstände in ein Computerprogramm ein, wo sie als Diebesgut identifiziert werden können. Charlie sagt, sie sei Floridas Sherlock Holmes. Er dürfe sich nicht mit ihr anlegen, sie würde ihn „hochgehen lassen“ – dann tut er so, als würde er sich fürchten, und Maurine gibt ihm einen Klaps auf den Unterarm mit dem Anker-Tattoo.

Vor ein paar Wochen hatte Charlie einen „friendly stroke“. Die ersten Mails danach waren sehr kurz. Er finde sich auf der Tastatur nicht mehr so zurecht, mailt Charlie. Maurine schreibt, dass es ihm schlechter geht, als er zugeben würde. Eine Reha-Schwester kommt ins Haus. „Sie malträtiert mich“, tippt Charlie. Aber das würden alle Frauen mit ihm machen. Ja ja, denke ich mir. Die Mails werden wieder länger.

Wie es mir geht, möchte er wissen. Und Johnny, dem Kurden, meinen Eltern, meiner Freundin mit dem Winzig-Baby. Allen gut soweit, antworte ich. Nur mir fällt die Decke auf den Kopf. Mir wird grad alles ein wenig zu viel.

Und da kommt das Mail. In den Flieger setzen. Nach Florida fliegen. Zu Charlie und Maurine. Er würde auch alle Schlangen aus dem Garten vertreiben und mir am Pool ein Plätzchen reservieren. Ich könne bleiben, solange ich möchte.

Werde ich fliegen? Natürlich. Sobald es mir zu kalt wird, bin ich weg.

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