Im Hintergrund zwei Johnnys

15/11/2006

Und beide singen mit Inbrunst

Im Hintergrund zwei Johnnys. Sie singen mit Inbrunst „Hurt“. Eine Wand und zwei verschlossene Türen sind dabei kein Hindernis: Ich kann so nicht arbeiten. Zumindest nicht an dem Text, an dem ich arbeiten wollte.

Der eine Johnny (Cash) singt dabei noch etwas besser als der andere Johnny (Sohn). Dieser gleicht die fehlende Routine mit Leidenschaft aus. Aber, wie gesagt, ich kann so nicht arbeiten. Zu laut. Zuviel Erinnerung. Der Gesang bricht ab und Johnny trollt sich in mein Zimmer. (Interessant, wie elegant er dabei dem Wäschekorb im Vorzimmer ausweicht.) Er braucht einen Block. Ob ich so was habe. Ich begrabe den geplanten Text endgültig.

Johnny hat nämlich eine Band gegründet und muss Songtexte schreiben. Johnny? (Legen Sie einen erstaunten Ton in das Wort, das machen alle bei dem Teil der Geschichte.) Ja, genau. Johnny. (Und dann müssen Sie fragen:) Welches Instrument spielt er denn? Er singt. Johnny? (Siehe oben.)

Warum denn nicht? Als er mir vor Wochen den Bandbauplan vorlegte, war ich ebenso bass erstaunt. Ich kenne die Stimme meines Sohnes an sich nur sprechend. Wenn bei uns einer singt, dann ist es der Kurde, der beim Duschen gern etwas von den Bee Gees zum Besten gibt. Johnny dröhnt gemeinsam mit seinem MP3-Player um die Wette, ja, das schon. Aber singen? Ernsthaft?

Mein Gehör ist empfindlich. Außerdem war ich einst Mitglied im Eferdinger Auswahlchor, der immerhin beim Bundesjugendsingen eine respektable Leistung zeigte und seine Erfolgsstory mit einem Auftritt im Musikantenstadl krönte. (Während wir zum Vollplayback unsere Münder bewegten, lief der Abspann. Wir hatten beim Einspielen die Strophen vertauscht. Daher der konzentrierte Blick.)

Überhaupt hat meine Familie einen Hang zum Musikalischen. Mein Vater ist der einzige, der das „Stille Nacht“ vor dem Christbaum zu Ende bringt. Die andern kringeln sich meist schon vor dem ersten „schlaf in himmlischer Ruh“ vor Lachen. Von meinem Großvater, einem aus dem Egerland eingewanderten Koch, heißt es, er habe jede Kapelle fehlerlos dirigiert. Besonders, wenn sie einen Egerländer spielten. Und, wirklich, wir haben auch einen gelernten Dirigenten in der Familie.

Johnnys musikalischer Karriere steht also nichts mehr im Wege. Und nachdem alle frühen Versuche, ihn zum Beispiel an ein Klavier zu gewöhnen, an seiner Willenskraft scheiterten, nehme ich die Gelegenheit freudig wahr, ihm bei der Schulung seiner Stimme finanziell unter die Arme zu greifen: Die ersten zehn Stunden gehen aufs Haus.

Eigentlich meinte er, bei der Musik, die sie machen, müsse man nicht singen können. Aber dann hab ich ihm von einem alten Freund erzählt und wie der bei den Mitternachtsmetten die Stadtpfarrkirche in Grund und Boden gesungen hatte. Oder wie wir damals, noch ziemlich jung und leider nicht zeitgleich ineinander verliebt, im herbstlichen Nieselregen die Donau entlang wanderten und er meine jugendliche Schwermut mit einem Blues begleitete.

Und genau diesen begnadeten Sänger habe ich jetzt ausgeforscht. Er lebt in Wien, gibt Unterricht und wird Johnny schon zeigen, wo das Stimmvolumen wohnt.

Mein Sohn sitzt wieder in seinem Zimmer und bastelt am Text. Der andere Johnny (Cash) hat zwischenzeitlich aufgegeben. Und ich?

Ich denke zurück an Memphis, Tennessee. Da war ich nämlich auch schon.

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