Heiß duschen in der Nacht

30/11/2006

Wärme ist Luxus. Stille vielleicht auch.

Ich möchte, ich möchte, ich möchte. Ruhig sein. Mir scheint, das ist schwer. Die Leute reden übers Wetter und darüber, dass es zu warm ist. Für die Jahreszeit. Schnee und Kälte wollen sie, immerhin käme die stillste Zeit. Ja wenn! Mein Sohn, der so 17-jährig ist, wie man nur sein kann (und das mit großem Talent, darauf bin ich stolz), will auch Schnee. Aber nicht wegen der Zeit. Sondern wegen des Wintersports.

Tief drinnen wabbert ein Ding, das ist aus Nichts gewoben. So Sachen denk‘ ich, während mich das schäbigste Taxi Wiens nach Hause bringt. Spätnachts, auf Firmenkosten. Es zieht und der Tacho ist kaputt, der Taxler fährt nach Gefühl. Das sagt ihm: Die Frau muss nach Hause, so müd‘ ist die.

Wir rasen durch die Mariahilfer-Straße. Was sind das für Leute, fragt er, immer seh‘ ich sie da stehen. Punks, sag ich. (Taxler:) Wo schlafen die? (Ich:) Weiß nicht, vielleicht in der Gruft. (Er:) Ob die da ihre Hunde mitnehmen dürfen, ins Asyl? (Ich:) Keine Ahnung. Schlafen wahrscheinlich eh woanders.

Im Fenster spiegelt sich Festbeleuchtung. Glitzerkaskaden, Gold, Sterne, Weihnachtszeug. Wir hatten zu Hause ewig lang kein Warmwasser. Einen Boiler hatten wir, und immer, wenn mein Vater den Wirtshausofen anfeuerte, wurde das Wasser warm. An Sperr- und Urlaubstagen blieb es meistens kalt. Wir hatten auch keine Zentralheizung, sondern Öfen. Mal mit Öl beschickt, mal mit Holz und Kohlen. Im Kinderzimmer gab es keinen Ofen, dafür Heizdecken im Bett. Das fast 400-jährige Haus mag dicke Wände haben, aber kalt blieb es allemal.

Wärme ist Luxus. Erst als mein Sohn geboren wurde, rissen wir die alten Böden und Wände auf, verlegten ein Adergeflecht aus Rohren in das Haus, und seither ist es wärmer. Wir können heiß duschen, mitten in der Nacht. Dann zogen wir nach Wien. Da ist es heller im Dezember, lauter güldene Häuser, die um die Wette leuchten.

Aber stiller ist es woanders, denke ich in meinem schäbigen Taxi. Stiller ist es dort, wo es kalt ist. Und aus dem Ding aus Nichts wird ein Sehnen nach der Oma, die schon lange tot ist. Sie war so ruhig, wie ich es sein möchte. In den Raunächten, wenn die Wilde Jagd übers Land zieht, sind wir zwei durchs Haus gewandert, sie mit einem alten Bügeleisen vorneweg (so eines, in das man Glut füllen musste), Weihrauch verbrennend, ich hintennach, in Rauchschwaden gehüllt, Weihwasser versprengend, den runden Omahintern vor mir auf der Treppe.

Meine dicke, ruhige Oma. Sie ist gestorben, da war ich 14. Seither geh‘ ich allein durchs leere Haus, am 24. Dezember, weil das eine Raunacht ist. Und oben, unter dem riesigen Dachstuhl, steh‘ ich eine Zeit und denke nichts. Und unten, in dem alten Erdkeller mit seinem Gewölbe und dem Kellergeruch, steh‘ ich eine Zeit und denk‘ an das Haus, das eine Geschichte hat und darin ist man nur ein kleiner Teil.

Nach einer Zeit ist alles gut. Dann geh ich zu meiner Familie, Weihnachten feiern.

Der Taxler fährt fast an der Straße vorbei, in der ich wohne. In Gedanken ist er noch bei den Punks. Ich hingegen bin wieder aufgetaucht und krame nach der Brieftasche. War heuer früh dran, dieses Sehnen. Na immerhin, jetzt ist es raus.

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