Mord im Gesicht

15/10/2007

Wut für ein ganzes Leben

Wenn ich jetzt beginne mit dieser Geschichte von der kalten Wut, die mich am Sonntag packte und bis heute immer wieder packt, obwohl schon spürbar schwächer, aber immerhin, wenn ich das jetzt beginne zu erzählen, dann könnte ich harmlos anfangen, den Text stricken mit dicken Nadeln und dickem Faden, ein weiches Vlies mit etwas Grauslichem in der Mitte. Aber das wäre schwach und falsch und gelogen obendrein.

Denn das Ganze entspricht vielmehr einem dünnen Stück Draht, das in die Finger sticht beim Versuch, es zurechtzubiegen zu einem Zusammenhang, das sich entwindet und störrisch ist und nicht anschmiegen will, sondern im Gegenteil einen eigenen Weg sucht und immer noch und immer weiter noch weh tut in der Brust und im Bauch, und es ist, als hätte man Mord im Gesicht, was das auch heißen mag. Aber es stimmt.

Am Sonntag war alles ganz friedlich, die Stadt, die Frau, die Wohnung, in der sie sich allein aufhielt. Sie tändelte hier ein wenig und dort ein wenig, spülte einen Teller ab, nahm ein Buch zur Hand, aß eine Kleinigkeit und setzte sich hin, um Zeitung zu lesen. Plötzlich war ihr, als bohrte sich etwas mitten durch die Bauchdecke nach außen, etwas Böses, Grausames, und alles nur, weil sie eine kurze Notiz gelesen hatte, die lang genug war, um Mauern einzureißen.

Solche nämlich, die vor mehr als zehn Jahren hochgezogen worden waren rund um einen tiefen Graben, damit niemand hineinfallen möge, damit sich niemand schneide an den scharfen Kanten, vor allem sie selbst natürlich sollte sich nicht mehr daran verletzen, all die Jahre war dem auch so – die Schlucht im Inneren war wahrgenommen worden wie eine Unebenheit, eine Irritation im Fühlen, aber nicht mehr.

Obwohl, damals, als das geschah, was die Mauern nötig machte, kam immer wieder die Frage nach der Wut, wo die bleibe, und dass es nicht natürlich sei, nur zu trauern, statt grüngallig wütend zu werden und zu brüllen und zu spucken – und die Frau spürte dann auch nach und suchte in sich nach dieser Wut, fand nur Trauer und zuckte mit den Schultern: Da ist nichts.

Oh ja, da war etwas gewesen, gut verborgen hinter den hastig errichteten Wänden, die jetzt eingebrochen waren, da war genug Wut für ein ganzes Leben, so schien es, und diese Wut kroch nicht hervor zwischen den Trümmern am Grabenrand, sie quoll über wie ein Topf Milch, den man auf dem Herd vergessen hat. Sie bahnte sich nicht sorgsam einen Weg ins Freie, um dort zu versiegen, es war mehr eine Eruption, die das ganze Wesen in Brand setzt, und die Frau wollte morden in dem Moment oder einem Toten mit dicken Stiefeln noch in die Brust treten und stampfen, sie wollte Arme haben wie riesige Schaufeln und mit ihnen, über die Stadt erhoben, die Häuser und Türme einreißen und die Hügel, und sich dabei die Lunge aus dem Leib schreien, brüllen und wüten und zerstören, damit der Schmerz aufhört, der mit der Wut wieder hochgekommen war aus seinem Winterschlaf.

Zurück wollte sie, zurück in diese Zeit, wohin die Wut gehörte, aber tausend Arme hielten sie fest in der Gegenwart, wie man jemanden festhält bei einer Schlägerei, damit er den anderen nicht umbringe in seinem Jähzorn, und sie wand sich in diesen Armen und kam nicht frei und verzweifelte daran, denn hätte sie gekonnt, sie wäre zurückgestürmt und hätte gezielt Schläge verteilt, hätte gezielt sich gerächt für das erlittene Unrecht, für das Übermaß an fast nicht zu ertragendem Leid.

Fast nicht zu ertragen, so war das damals gewesen. Die Frau erinnerte sich daran, sah sich wieder im alten Badezimmer, vor dem Spiegel, gekrümmt, weil der Schmerz sie nicht mehr gerade stehen ließ, mit dem Wissen, dass es jetzt aufhören müsse, weil sonst würde man das nicht schaffen, und weil man ein Kind hat, muss man es schaffen, und weil man diesem Bösen nicht die Oberhand lassen will, muss man es schaffen, und zwar jetzt, auf der Stelle, gleich – und so hörte es auf. Hörte auf zu pochen und zu zerren und verschwand in diesem Graben. Bestenfalls ein stumpfes Dröhnen ab und zu, aber nicht mehr.

Gut. Jahre später kommt alles wieder, kommt alles raus. Immer noch in kleineren Schüben, aber genauso intensiv. Ob es reicht, über die Wut selbst zu schreiben, weiß ich nicht. Über ihre Ursache kann ich nicht schreiben, damit würde Raum geschafft werden für etwas, dem ich keinen Raum mehr geben will. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das hier der rechte Platz für diese Wut ist, in dieser Alltagsrubrik, aber ich meine: Diese Wut rinnt die Hausmauern runter, tropft von den Bäumen, klebt an den Mistkübeln der Stadt. Sie ist viel alltäglicher, als man glaubt.

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