Die Guten ins Töpfchen

15/11/2007

Die andern sind uns egal

Als Studierende an der Sozialakademie wurde mir einmal gesagt: „Karin, wenn du eine Seminararbeit präsentierst, erklärst du dir die Welt – und wir anderen sind zufällig auch dabei.“ Damals lernte ich einiges über das Lernen an sich. Dass es verschiedene Lerntypen gibt und welcher davon auf mich zutrifft, und dass ich Zusammenhänge erst dann begreife, wenn ich sie mir selbst erkläre. Reichlich spät mit 25, nach einer Schulkarriere, die mehr Tiefen, als Höhen hatte und einige Entscheidungsprüfungen zwischen Nicht- und dann halt doch noch Genügend.

Dazu ein paar Betragensnoten jenseits des „Sehr gut“. Was soll’s. Matura wollte ich haben, als Dramaturgin habe ich mich geträumt, als Sozialarbeiterin bin ich aufgewacht, und allein der Weg von einem zum anderen ist ein kleiner Roman.

Aber darum geht’s nicht. Sondern um meine tiefe Überzeugung, dass das österreichische Schulsystem, so wie es ist, nicht genügt. Weil dieses System ein Kind jahrelang in dem Glauben lassen kann, es sei „schlecht“ und „faul“, statt ihm die richtigen Lernmethoden zu vermitteln. Weil dieses System Menschen klassifiziert, nicht nur in Hauptschüler und Gymnasiasten, sondern sogar innerhalb der Hauptschule noch Platz ist für erste, zweite und dritte Leistungsgruppe, und weil das keine Förderung bedeutet, sondern eine Abstufung. Die guten ins Töpfchen. Und die „nicht guten“? Ich habe mit Jugendlichen gearbeitet, die sich am Ende dieser Lernkette gerade noch festhalten konnten, keine Aussicht auf eine Lehrstelle, nix, keine Chance. Und es war keine Frage von mangelnder Intelligenz.

Ein Lehrer verweigerte ein gemeinsames Gespräch mit einem seiner Schüler und mir mit den Worten: „Sie können gern mit ihm reden. Aber wenn ich ihn seh‘, muss ich kotzen.“ Und das, um die üblichen Argumente vorwegzunehmen, an einer nicht übervollen Schule, mit wenig Migrantenkindern und mitten am Land. Keine heile Welt da draußen. Noch dazu bin ich selbst Mutter, mein Sohn ähnelt mir, sieht aus dem Fenster, eine Schneeflocke, taumelt mit ihr durch die Luft, während vorne der Lehrstoff gepredigt wird.

Noch heute geht es mir so: Stehen einem Vortragenden Nasenhaare aus dem Nasenloch oder die Heizung summt oder draußen schüttelt ein Baum im Wind seine Äste, geht oft nix rein von den Worten, nur die Bilder bleiben picken. Ja Herrschaftszeiten, bedeutet das denn, dass man dämlich ist? Oder nicht eher, dass man sich den Stoff bildhaft erarbeiten muss, sich eine Galerie im Hirn aufbauen soll statt einer Wortliste?

Oft fehlt einfach das Geld für Alternativen. Alleinerziehend, wie ich war, bin ich mit meinem Sohn nach Wien gezogen, nicht nur, aber doch wegen der Auswahl jenseits von Hauptschulen und Frontalunterricht. Aber die richtigen Alternativen, die Schulen mit mehr Platz für Individualität, dort, wo man nachfragen kann und forschen kann und lernen kann, wie man zu lernen hat – diese Schulen konnte ich mir nicht leisten. Jetzt überlegen Sie mal: Ich war zwar allein mit meinem Sohn, verdiente aber doch durch den neuen Job in der sich gerade aufblähenden Internetblase relativ gut. Trotzdem: Die spannenden Schulen waren nicht drin.

Natürlich gibt es auch gute Regelschulen, keine Frage, aber die müssen Sie erst mal finden. Im Prospekt steht vielleicht: Kooperative Mittelschule mit kreativem Schwerpunkt. Die Direktorin schwärmt von der doppelten Lehrbesetzung in den Hauptfächern – damit „kein Kind verloren geht“. Und dann stellt sich heraus, dass sich die Kreativität auf Seidenmalen im Schulkeller beschränkt, und die Mathelehrerin die verbockten Schularbeiten der 2a hämisch in „ihrer“ Klasse, der 2b, präsentiert. Während die andere Mathelehrerin erklärt: Sie unterrichte dieses Fach, weil man zur Korrektur von Deutschschularbeiten viel zu lange braucht. Winke, winke.

Zurück zum Geld: Ich konnte mir wenigstens Nachhilfeunterricht für meinen Sohn leisten, um die Defizite des Unterrichts auszugleichen. Denn ist die Schule nicht eine Dienstleistung mit dem klarem Auftrag und Ziel der Wissensvermittlung? Wie erklärt sich dann die hohe Zahl von Wiederholungsprüfungen und Nachsitzern, wodurch rechtfertigen sich die unglaublich hohen privaten Ausgaben in Sachen Nachhilfe? Der massive wirtschaftliche Erfolg der diversen Lerninstitute sollte der Bildungspolitik die Schamesröte ins Gesicht treiben. Stattdessen behauptet die nach wie vor: Wir sind so super.

Ja, eh. Und Diskussionsverweigerung zeugt von sozialer Kompetenz. Worum geht’s da eigentlich?

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