Die Kuh träumt

01/12/2007

Dieser schöne, geile Schwachsinn

Ich möchte. Sagt sie. Und schweigt dann wieder. Dem Taxler glühen die Ohren ein wenig. Wir fahren durch die Nacht, und führen fort, was wir zuvor begonnen haben. Meine Süße, sagt sie zu mir, dieses Weibsbild, und ich sag: Du Kuh. Du Gurke. Wir schauen uns an, dann auf die Straße, sie rechts, ich links, wie immer, einander zugeneigt schon lang.

Zuvor, das war noch in einem Lokal, dessen rauchige Luft in unseren Haaren hängt und in den Kleidern und in den Stimmen, die sonst recht nüchtern sind. Meine zumindest. Ihre nicht, weil, die Kuh träumt. Sie sehnt sich.

Ich möchte, sagt sie ein zweites Mal. Ich weiß, sag ich, weil ich es einfach weiß und der Taxler schon genug zum Nachdenken hat. Sie möchte eine Hand auf ihrem Bauch liegen haben, nicht die ihre, sondern die eines Bestimmten. Eines ganz Bestimmten. Der verwirrt sie ein wenig sehr, der Gute, unbewusst, weil, sie weiß ja auch nicht, wo das herkommt, das Herkommen wollen wir ja ergründen, oder, in unserem Gespräch, aber wollen wir das wirklich?

Ich zieh mir den Schal über die Nase. Neben mir findet eine vitale Katastrophe statt, ein Angriff auf das Sonnengeflecht, dort, wo die Männerhand ruhen sollte – und während ich noch über Chemie und Hormone und so Zeugs nachdenke, setzt sich meine Freundin auf ihre eigenen Hände. Die tun weh, wenn sie verliebt ist. Die brauchen dann Betätigung, wollen greifen und fühlen, erkunden. Die Frau will was, ja, und das, was sie will, ist so komplex wie einfach, wie die Gründe für ihr Wollen auch komplex und einfach sind, und ich sag Ihnen, das ufert noch aus.

Sie möchte: Sex. Klar. Da sitzen wir zwei Mädels im Taxi und reden in Hieroglyphen über Sex. Über das Begehrtseinwollen und das Begehren. Die Stimme des besagten Herrn reiche aus, sagt meine Freundin, um ihr die Brust einzuengen. Mit 14 war das nicht anders als jetzt mit über 40, um keinen Deut anders nämlich. Auch damals wären ihre Hände zu Sensoren mutiert, und schon damals war sie auf der Suche nach dem Auslöser für den Schwachsinn, den schönen, geilen Schwachsinn, der sich da auftut. Seltener sei das geworden, aber nicht minder intensiv.

Neben mir, im Taxi.

Du Kuh, sage ich wieder, lache mit ihr und dann geht’s los: Groß und dunkel sei er, nicht schön, aber doch schön. Kein glattes Gesicht, bei dem der Blick nichts zum Festhalten hat, sondern mit Narben und einem Mund, Mädel, der Mund. Und die Schultern sind breit, der Mann ist stark, er könne sie sicher tragen. (Vielleicht geht es darum, um das Getragenwerden.) Ein direkter sei er, einer, der gern Bier trinkt und sagt, was er sich denkt und redet, ein „erdiger“, keine Ahnung, sie redet vor sich hin und ich lass sie, lass das Bild von dem mir unbekannten Mann wachsen in meinem Kopf, während sich das Taxi mit Sehnsucht füllt, bis wir alle, sie, ich und der Taxler, Herzklopfen haben und sie wieder still ist. Und aus dem Fenster schaut.

Ich schau woandershin. Weil, kenn das ja auch. Gab es schon umgekehrt – sie mich „Kuh“ schimpfend, während ich auf meinen Händen saß, während ich mich sehnte, in Beziehungen hinein, aus Beziehungen heraus, festgehalten, losgelassen, Wunden schlagend, Männer verletzend. Ich glaube, ich hab da ein krankes Plansoll erfüllt und denk zurück und fühle mich schuldig, obwohl. Hab ja nicht nur ausgeteilt. War ja nicht nur Täterin.

Wie kann man so denken, so ein Schwachsinn. Ich erinnere mich an eine Begegnung, an ein Hüttenfest, an nichts mehr als die Gegenwart eines Mannes im ärmellosen T-Shirt mit glatten Oberarmen (Hans hieß er) und dann noch an ein Tischfussballspiel im eiskalten Hinterzimmer, er stopft die Tore mit Fetzen zu, damit der Ball nicht verloren geht, wir haben kein Kleingeld mehr, und wenn das Spiel aus ist, müssen wir zurück in die warme Stube, zu den anderen, wir reden nicht drüber, wir wissen das einfach, und bei den anderen war auch mein damaliger Freund, der ein guter war, ein lieber, warum ihn kränken? Aber die Sehnsucht nach diesem Unausgesprochenen. Lang bin ich auf den Händen gesessen danach.

Ich winke meinen Verflossenen zu, kehre zurück in die Gegenwart, und denke so bei mir: Ach, kompliziert ist die Liebe, die ihre, romantische, genauso wie die meine, mit der Chemie und den Hormonen und den verpassten Gelegenheiten. Aber wer weiß, vielleicht sehnt sich ja in diesem Moment der Mann mit den Narben und dem schönen Mund genauso, vielleicht hat ja sein Sehnen diese Katastrophe ausgelöst. Ich schau meine Freundin an. Und dann schauen wir wieder alle drei auf die Straße, der Taxler, die Kuh und ich.

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