Mein bohnengroßes Heimatstück

15/12/2007

Mir träumte von Vampiren

Letzte Nacht träumte mir, ich wäre ein Vampir. Seltsame Menschen gibt es im Übrigen genug. Am Samstagvormittag standen wir vor dem Bahnhof von Traiskirchen. Ein alter Mann kam aus einem Lokal. Trainingshose über dem dicken Bauch fast bis unter die Achseln. Kariertes Hemd. Er humpelte auf unsere Straßenseite. Stellte sich vor ein Verkehrsschild. Spuckte in die Hände. Umfasste dann die Stange, als wolle er sie aus dem Boden reißen. Hob dabei, vorgebeugt, das linke Bein. Dann humpelte er wieder in das Lokal zurück. Später sahen wir ihn noch ein Mal. Weggehen. Mit Krücken.

Kurz darauf saßen wir im Audi des Freundes. Ich hinten, in den Ledersitz geplättet, die Sitzheizung auf Vier. Richtung alte Heimat. Das Gerede der Männer, die Reifen auf dem Asphalt. Ein Geräuschteppich zum Nachdenken. Über Steine im Weg, die Menschen sind. Über. Heimat.

(Im Traum kletterte ich an Häusern entlang wie eine Spinne, die rostigen Fingernägel in den rauen Putz gekrallt, der Schwerkraft trotzend, mit schwarzen Augen und Muskeln und Sehnen und)

Höhe Haag am Hausruck schlief ich ein. Die Woche war hart, das Leben ist grad hart und ich bin hart zurück, dreifache Härte, unnachgiebig, und wenn ich geistig nicht werk, muss ich laufen, rennen, den Körper schinden, bis es mich klescht und die Muskeln einreißen, weswegen ich jetzt selber humple wie der alte Mann.

Eingerissen ist der Muskel im Bezirk Eferding. Beim aus einem Lieferwagen steigen. Nicht aussteigen, sondern von der Ladefläche runter. Ein zu großer Schritt und aus. Eingeladen, umgeladen, rausgetragen wurde das Mobiliar meiner Freundin. Die hat sich ein Haus gemietet in der Stadt, weil sie da, wo sie bis jetzt wohnte, zwar die Rehe husten hörte. Die Igel stöhnen. Aber die drei Jungmenschen immer dahin und dorthin bringen musste, oder abholen. Oder mich abholen. Oder zu mir fahren, wenn ich bei den Eltern war.

(Warm war es im Traum, nämlich warm im Bauch, nur die Ohren waren kalt und die Haare im Wind ganz dünn und ausgefranst, kein schöner Vampir. Ein geschundener Fetzen von Körper, schmerzlos und weggerichtet der Blick, aufgeschlagen die Nase, ganz spitz eisige Luft schnüffelnd und)

Zwischen dem Rehe-Hust-Haus und dem Mitten-Stadt-Haus pendelnd, im Lieferwagen, im Auto, mit Fremden, allein, mit meiner Freundin, dann wieder selbst fahrend, einen Freund ihres Sohnes nach Hause, durch die Nacht, Fraham, Unterhillinglah, Eferding, dort Schränke putzend, während Horden von 13- bis 19-Jährigen vorbeiziehen, Gitarren spielen sich warm, Pizza und Kuchen und Kaffee wird verteilt, eine letzte Fahrt zu den Rehen. Allein. Wir treffen uns oben, sagt meine Freundin, ich bin eher da als sie. Sitze im Wagen. Warte dann in der fast leeren Wohnung, wo noch die Meerschweinchen schlafen.

Wieder was zu Ende. Stehe am Fenster, blicke zum Waldrand. Schau in mich. Es gibt keine Heimat, außer dem Kern in mir. Mein bohnengroßes Heimatstück. Es gibt Seligkeit und Kachelofenwärme, den Vater auf der Couch, die Mutter strickend. Milchkaffee mit Likör beim Bruder, Käsestangen bei der Schwester und Zuneigung, so ein Glück. Aber keine Heimat. Weswegen auch.

Meine Freundin kommt. Stellt sich nicht neben mich, sondern packt Klopapier, Duschzeug und Handtücher in einen Karton. Schaut sich um, dreht das Licht ab. Wir fahren zurück. Erst im Klapperauto nach Eferding, Zauberpunsch trinken beim Schmiedstraßenfest, still und fröstelnd, weil müde und kalt. Und dann, am nächsten Tag, im Audi, Sitzheizung auf Vier, zurück in die Stadt der Lichter.

(Mir träumte. Von eingerissenen Lippen, von Stärke und den anderen, mir träumte von der Gruppe. Wir zogen durch die dunkle Straße, regennass, spürten einander, waren für uns gut, waren grausam, gierig und lebendig.)

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