Mein Ramadan light

30/09/2007

Weniger will ich werden

 Man geht so in den Tag hinein. „Ganz junge Blüte“, schrieb ich gestern, „hauchzart, mit golden, pfirsichfarbenen Blütenblättern“. Später, schrieb ich weiter, komme das Getrampel. Und dass man so lange an der Nacht herumschaben möchte, „bis der Tag durchschimmert an den wundgeschabten Stellen“.

Dann hörte ich auf mit Schreiben, weil die zehn Minuten vorbei waren und zehn Minuten ohne Denken schreiben pro Tag reicht. Die Finger ständig auf der Tastatur, ob die Nase juckt oder der Schwachsinn, der den Bildschirm sprenkelt, schon weh tut, die Finger, bitteschön, stapfen wie kleine Esel über eine Schotterpiste. Schicht für Schicht den Müllberg im Kopf abtragen. In Säcke packen. Vor die Tür stellen. Jeden Tag einen. Dabei im Pyjama, gewaschen und zahngeputzt sein und gleich ins Bett fallen, traumlos schlafen.

Gestern schrieb ich dann auch noch, dass wieder einmal „der Mond durchs Bild wandert“ (das macht er recht oft), und, dass ich früh aufstehen müsse, frühstücken möchte und mir gut überlegen, was ich anzieh‘. Und was ich sag‘. Dann „mit der Bim in die Arbeit fahren.“ Weiter überlegen, wegen der Kolumne, „aber ich könnte auch über Träume schreiben, in denen Berührungen da sind, oder über die geträumten Begegnungen und warum Gesichter so leicht verschwinden.“

Das ergibt alles wenig Sinn, aber anders betrachtet, doch. Mein Kollege fastet, weil Ramadan ist. Ich faste ein bisschen mit, nenne das „Ramadan light“, und das ist natürlich Blödsinn. Vom ruhigen Glauben meines Kollegenfreundes bin ich so weit entfernt, wie. Ja, wie. Wenn ich mir überlege, wo sich überall Seele versteckt. (Überall, schrieb Ringelnatz, ist Wunderland, überall ist Leben.) Egal, ich faste also mit ihm, auf meine Art, und habe das auch schon beim letzten Ramadan so gehalten. Das hat auch was mit Essen zu tun, mit Gewürzkräutertee statt Kaffee, mit Tofuzeugs statt Käsebrot. Weniger will ich werden, auch wenn, von außen betrachtet, die Frau eh nicht gerade viel ist und isst, aber von innen, meine Herren, da schaut’s halt anders aus.

Von innen betrachtet kann man fett sein, kugelrund und behäbig, übersatt, und das ist der Punkt. Das Übersatte, das legt sich aufs Denken und auf den Blick, das Übersatte macht langsam und wunschlos unglücklich, falsch genügsam. Und da das eine das andere beeinflusst mit der Zeit, muss der eine Hunger zum anderen führen, ich meine: Das, was wir unter Hunger verstehen und eigentlich nur Lust auf Essen ist, das sollte nicht verwechselt werden mit dem echten Hunger, mit dem wirklich nix zum Fressen haben und stumpf werden und tot werden und aus.

Also, bevor ich mich verzettle, dieses kleine bisschen Hunger im Bauch führt, bestenfalls, zu einem kleinen bisschen Hunger im Kopf, und mit dem einen oder anderen Kilo Körperfett geht, hofft man, vielleicht auch das eine oder andere Kilo Denklast weg, die Schwere im Gemüt.

Ruhig möchte man sein, oder. Zumindest ein paar Wochen im Jahr. Ruhig in einem leeren Raum. Bin ich allein zu Hause, ist es jetzt fast ganz still. Kein Fernsehen. Kein Radio. Bin ich unterwegs, dann lausche ich. Keine Musik im Ohr. Nur diese paar Wochen. Das zwingt hineinzuhören und das Bild hat schon auch was für sich, dass das Denken eine Herde von wilden Tierchen ist, die, wenn man sie beobachtet, scheu verschwindet, und erst mit der Zeit, wenn man sich ruhig verhält und jähe Bewegungen vermeidet, sich wieder in die Nähe wagt.

Also verhalte ich mich ruhig, so gut es geht. Vielleicht wagt sich wieder etwas in die Nähe. Mag sein, dass ich mich täusche, mag sein, dass das alles ein Irrtum ist, aber eines sage ich Ihnen, die paar Wochen, die sind schon in Ordnung so. Und dass draußen der Tag durchschimmert, ist auch in Ordnung, weil ich hungrig bin und frühstücken werde, und später mit der Bim in die Arbeit fahre, mich in den geträumten Begegnungen verliere, und das Getrampel, keine Sorge, das kommt ohnehin von selbst. „Ganz junge Blüte“, von wegen.

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