Nasenwürmer

31/01/2008

Heißt es der oder das Nasenspray?

 Ich bin allein, allein, allein. An der Decke, im Eck, klebt eine Spinne. Dass ich den Kopf nach oben beugen kann, um sie zu betrachten, ist positiv. Als wir einander zum ersten Mal begegneten, seilte sie sich neben dem Bett ab. Verfolgt von meinen Augen. Mehr nicht. Kopfbewegungen verursachten Erdbeben im Gehirn. Genau. Frau krank. Rhinitis acuta. Rotz inklusive.

Man kann eine Zwiebel zerhacken, in kochendes Wasser geben und den Dampf einatmen. An japanischem Minzeöl riechen. Die Naseneingänge mit Olivenöl einreiben. Ich tauche den Kopf stirnseitig in Infrarot. Extra Wärmelampe gekauft. Meine Freundin meinte immer, es gäbe nur ein Allheilmittel, das allerdings helfe gegen alles. Die Trinität aus Notfallsalbe, Teebaumöl und Sex. Zwei der drei Ingredienzien hätte ich sogar zu Hause. Für die dritte müsste ich kurz telefonieren.

Der Vorteil von Wochenendbeziehungen ist der, dass einer am Montag wieder wegdarf. Der Nachteil aber auch.

Und wenn schon. Auf Sex mit Schnupfennase hat eh keiner Lust. Dafür gibt’s gratis Tipps: Iss Orangen. Viel Schlaf. Bla bla. (…) Unterhalten wir uns weiter über Hausmittel, oder machen wir das Ding hier noch ein wenig spannender? Zum Beispiel, indem wir über Nasenwürmer reden.

Weil, das wäre doch interessant. Jemand könnte einen Nasenspray mit genetisch veränderten Zellen befüllen und heimlich in ein Apothekenregal schmuggeln. Ich würde den (oder das?) Nasenspray dann kaufen, natürlich völlig nichtsahnend. Die freundliche Tante Apothekerin mit strengem Blick und weißem Kittel kann dir ja nix Böses wollen! Du bist arm! Ein Kindchen mit verstopfter Nase, verstopften Nebenhöhlen, verstopften Hirnzellen! Also: Ich vertraue, kaufe und sprühe. Links – pfff, pfff. Rechts – pfff, pfff.

In der Beilage, die ich später lesen werde, wird nur ein Sprühstoß empfohlen, und ich werde denken (mir die Würmer aus dem Gesicht wischend): Dumpfbacke, lies das doch vorher! Dabei war es nicht die Überdosierung. Es war das genetisch veränderte Zeugs im Spray. Das hat sich an den Wänden der Cavum nasi, der Nasenhöhle, festgesetzt und an den dünnen Zellhäutchen gekratzt, bis sie sich auftaten, ein Spältlein, und Einlass gewährten, millionenfach auf engstem Raume. Dort ruhte es, das Teufelszeugs, träumte sich bis zum tiefsten Grund des Zellkerns, der sich zitternd in einer winzigen Ecke verbarg, doch umsonst.

Na ja, dann noch die Wärmelampe einschalten. In rotes Licht getaucht kommt es zur allgemeinen Entspannung. Die Kerne hören auf zu zittern. Sonne! Licht! Sie dehnen sich und strecken sich, vollgedröhnt mit jener fremden Substanz, völlig high, verdoppeln im Drogenrausch Chromosomen und DNA, verdreifachen den Einsatz, potenzieren ihn, vergessen sich, zu windenden Würmern mutiert, grünstreifig und schleimig. Kein Wunder, das ich nicht atmen kann. Die Nasenlöcher sind zu Wurmlöchern geworden, nicht jene spannenden im All, die durch Faltung von Zeit und Raum entstehen, oder so, sondern ganz normale. Vögel hocken davor und warten auf Beute, schon gelangweilt, weil der ständige Nachschub das Jagen unspannend macht.

Die Raben sind mir übrigens die liebsten. Für sie verscheuche ich Rotkehlchen und Meisen. Ich sitze also hier mit zwei Raben auf den Schultern, Würmer tropfen mir aus der Nase und die Tastatur ist mit Blaumeisenkot versaut.

Und das alles nur, weil ich keine Packungsbeilagen lese. Oder allem vertraue, was einen weißen Kittel trägt. Oder zu feig bin, trotzdem Sex zu wollen. Oder zu früh wieder arbeiten gegangen bin, obwohl noch krank.

Egal. Ist ja nur erfunden. Morgen frag ich die Ärztin, was sie mir da eigentlich verschrieben hat. Aber vorher schneide ich Zwiebel und pack meine Beine in kochendes Wasser mit drei Kilo Kochsalz, auf das meine Nase wieder frei werde. Und dann geh ich schlafen. Allein, allein, allein. Bis auf die Spinne.

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