Sanfte Welt

15/01/2008

Ein Teil sehnt sich immer weg

Vorgestern, am letzten Abend 2007, fuhr ich aufs Wien-nahe Land, mit Mann und dessen Vater im Auto, wie auf Eiern fuhr ich durch den Schneeregen auf rutschigen Straßen. „You drive very carefully“, sagte der alte Mann neben mir, im schwarzen Mantel, den Stock in der Hand, den Hut auf dem Kopf. Wir sprachen über Politik, über Pakistan, die Lage im Irak, dort kommt er her, nie wieder wird er zurückkehren.

Dann schwiegen wir. Ich dachte über den Text nach, den Sie jetzt lesen, dachte Sachen wie: Wie soll man leben, wenn es so hell ist überall, wenn die eigene Sehnsucht nach Aufmerksamkeit so groß ist wie die Angst davor, bemerkt zu werden. Dieses Paradoxon. Solipsistische Kampfkröte nannte mich ein Freund vor vielen Jahren, daran hat sich nichts geändert. Vielleicht am Kampf. Der Freund übrigens igelt sich ein mit Frau und Kind und fehlt mir.

Eingeigelt waren wir vorgestern auch, in die Wohligkeit eines vom Kaminfeuer gewärmten, abgedunkelten Zimmers. Wir standen vor den großen Fenstern, die Ebene vor uns ausgebreitet, eine Bühne für tausend Silvester-Raketen. Ganz still waren wir, der Mann, seine Familie und ich. Eingebettet in Glückseligkeit. Nein. Eingebettet in Zuneigung, in vertraute Gewohnheit. Aber. Das Nichtvertraute fehlt. Es ist kein restloses Glück, zu dem tauge ich nicht. Es ist Glück vermischt mit Sehnsucht vermischt mit Ungewissheit.

So wie ich mich durch diesen Text gleiten lasse, lasse ich mich durch die Tage gleiten, an Inseln vorbei treibend, gegen Felsen stoßend, in die Tiefe gezogen und an die Oberfläche gespuckt, nach Luft ringend, ruhiger werdend vor den nächsten Strömungen. Wie das klingt. Dabei steckt nichts anderes dahinter als Angst vor einem Zuviel an Gewohnheit, vor Sattheit, vor Zufriedenheit. Ein Teil steht am Fenster, zerplatzende Raketen sprenkeln den dunklen Himmel, spiegeln sich wieder in Glas und Augen, verstärken die Nähe. Wir lauschen dem Knallen draußen und dem ruhigen Atmen neben uns. Ein Teil sehnt sich weg.

Sehnt sich immer weg. Weniger will ich werden, denke ich kurz nach Mitternacht, aber was heißt das? Diese Bilder, die im Kopf auftauchen, sind klar, ihre Bedeutung ist es nicht. Weniger werden, bedeutet das, weniger von sich reden? Sich weniger in den Mittelpunkt der eigenen Betrachtung stellen? Wie weit kann ich gehen in diesen Texten? Wie weit begleiten Sie mich bei dieser Nabelschau zwischen Fast-Depression und Beinahe-Glück? Und worum geht es in diesem Geschreibe, um schöne Worte, Gefühle, Satz-Konstruktionen? Geht es darum, kommentiert zu werden? Nein. Es geht um das Hinsehen. Um das Zeigen, was man sieht.

Nachdem die Intensität des Feuerwerks abgenommen hatte, tranken wir unseren Sekt aus und sahen fern. Eine Show mit alten Hits, „Shadow on the wall“, Roger Chapman. Wir lachten, erinnerten uns daran, wie das früher war. Mit dem Puch Maxi in die Landdisco, 16 Jahre alt und dauernd verknallt, Gedichte schreibend und viel zu ernst für die meisten Jungs. Während wir uns Geschichten erzählten, saß der alte Mann im Lehnstuhl, die Beine hoch gelagert, schlafend. Kurz zuvor hatte er noch zärtlich mit seiner jüngsten Enkeltochter gegurrt, in seiner fremden Sprache, sie zupfte in seinem Gesicht herum und gurrte zurück, babylallend.

Man sieht etwas, und schreibt darüber. Man beobachtet es und notiert. Dieses und jenes. Meinen Sohn, der vielleicht ausziehen wird im Sommer, betrachte ich, aber was ich sehe, teile ich nicht mit Ihnen, im Moment. Diese Zeit jetzt noch mit ihm, die gehört uns allein. Vielleicht ist sein von mir Weggehen Teil des Wenigerwerdens. Vielleicht stelle ich mich auch weniger in Frage, akzeptiere das, was ist, warte auf das, was kommt und gebe dem Kommenden einen Ort zum Anhalten. Das ist nicht von mir, sondern von William Saroyan, der in „Tracys Tiger“ den magischen Satz schreibt: Man musste schnell gehen und sich doch zugleich fast nicht bewegen.

Noch so ein Paradoxon. Ach, was soll’s. Ich werde schon herausfinden, wie weit man sich hier entkleiden darf, und wann es genug ist.

Um halb zwei setzten wir den alten Mann vorsichtig ins Auto, die steile Hauseinfahrt war schneeglatt. Dicke Schneeflocken fielen den ganzen Heimweg lang, sanfte Welt. Bei seiner Wohnung angekommen, umarmte er mich, sagte „Thank you, take care“ und wünschte mir Glück. Dabei hab ich schon soviel davon. Prosit.

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