Insekt unter Insekten

15/07/2008

Urlaub bei den Eltern

Bevor man sich in den Pool begibt, säubere man ihn mittels bereitgestelltem Käscher von toten und fast toten Insekten. Urlaub bei den Eltern. Der Pool ist ein aufgeblasenes Plastikrund, das Wasser brunzwarm. Also genau richtig. Ein Durchmesser von zweieinhalb Metern erlaubt das Treiben auf der Luftmatratze. Vögel singen. Die Nachbarkatzen verteilen sich im Garten. Eine, Moses, äugt unter der Hecke versteckt nach dem Monster im Pool. Manchmal taucht mein Kopf über den Rand, die Position verlagernd, vom Bauch auf den Rücken oder umgekehrt.

Weiße Streifen soll der Körper haben, braun werden und gesund.

Das mit dem Insektenfischen ist freiwillig. Ich lege den Chitinpanzer ab und tauche ins Wasser. Ich lege den Chitinpanzer ab und distanziere mich. Wien ist voll. Hier ist es leer. Luftraum. Kühle Luftpolster am Abend über den Feldern. Die Schirmkappe tief ins Gesicht gezogen, fahre ich mit dem Rad durch den Auwald. Bei der Kläranlage stinkt es nach Verwesung. Winzige Mücken kleben auf meiner feuchten Haut. Ich will nichts sehen. Ich will nicht gesehen werden. Hier ist nichts.

Mit meiner Schwester und ihrer Tochter wandere ich über Wiesen. Meine Nichte schüttelt eine Minischnecke aus ihrem Schuh. Die nächste bin ich: Mit einem Grashalm retten wir den Schneck vor meinen Zehen. Wir lachen. Gehen weiter. Der Abend senkt sich auf die Hügel. Klassisch. Und schön. Später sitzen wir in ihrer Küche, haben Kuchen gegessen. Tee getrunken. Geredet. Mein Schwager kommt heim, wir erzählen von hier, von dort. Es ist spät, meine Nichte gähnt sich ins Bett, schmeichelt sich noch an die Eltern, schmiegt sich an mich, nuschelt ein wenig (das macht die Zahnspange), bevor sie schlafen geht.

Ich schlafe im Bett ihrer Schwester, die nicht da ist. Schulausflug. Ihr Mädchenzimmer gehört mir für eine Nacht. Ein Himmel aus fluoreszierenden Sternen leuchtet im Dunkeln über mir.

Mit der Lokalbahn zurück nach Eferding. Denk dir Pinien dazu, vielleicht Olivenbäume. Der Zug zieht eine Kurve um die Stadt, bevor er sich ihr nähert. Dramen spielen sich ab, irgendwo.

Die Sonne brennt, so ist es richtig, und eine braune, haarige Raupe quert den Treppelweg an der Donau. Wird sie es schaffen, frage ich und Andrea meint, ja, das ist eh eine große. Ich schau nach hinten und nach vorn, niemand in Sichtweite. Wir skaten bis zum Kraftwerk, manchmal ein höfliches Klingeln von Radtouristen im Rücken, dann machen wir Platz. Andrea klatscht mir fröhlich auf den Po, dann fährt sie wieder neben mir. Spuckt und prustet, hat etwas Fliegendes verschluckt.

Später sind wir ausgetrocknet, schmeißen das klobige Zeugs in den Wagen und stelzen auf Beinen, die vom Rollern noch ganz durcheinander sind, in den Gastgarten. Wir trinken große Gläser Apfelsaft mit Wasser, essen Salzstangerl. Das Salz bröseln wir unter dem Tisch auf den Boden.

Ich kenne die Wirtin. War ja selber Wirtstochter. Ein Wirt kennt den anderen.

Heute Morgen haben wir einen alten Schreibtisch in ein leeres Zimmer getragen. Auf dem Tisch standen alte Töpfe, in einem krümmte sich eine tote Spinne. Früher war das hier unser Wohnzimmer. Jetzt sitze ich am Tisch und tippe den Text. Dabei kann ich aus dem Fenster sehen. Dächer, Bäume. Autos und Lastwagen, die durch Eferding fahren. Ganz hinten ein Eck vom Lagerhaus. Ganz vorn der alte Konsum. Ex-Konsum.

Im Nebenraum malt mein Neffe. Er ist so alt wie mein Sohn. Mein Sohn fehlt mir. Er ist in Wien und ich muss ihn ein wenig in Ruhe lassen. Wir haben beide unseren Panzer abgelegt.

Es ist warm heute, aber der Himmel bewölkt. Manchmal zeichnet sich ein Streifen Licht auf den Boden. Ein Eck Sonne. Ich gehe nur dann in den Plastikpool, wenn es brennheiß ist. Vorher muss ich die Insekten retten, die toten und die fast toten, die sich nicht auskennen in dem riesigen Meer. Mit dem Käscher sammle ich sie ein und schüttle sie in die Wiese. Oder in die Rosen, wenn sie noch leben.

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