Menschentrösten

15/12/2008

Auf einmal ist’s genug

Draußen huscht die Nacht vorbei mit grün, gelb, blauen Lichterketten, kalte Luft, verwischte Neonfarben im Rabenschwarz. Gestern um diese Zeit Punsch am Eferdinger Schlossadvent, Gedränge und Geschiebe in den alten Kellergewölben und Festräumen, die einheimische Schickeria trifft sich im Schlosshof beim Stand der Kiwanesen, das normale Volk säuft sich quer durch Beerenpunsch, Feuerzangenbowle und Glühmost. Ein schon ziemlich Illuminierter torkelt uns rotgesichtig über den Weg, auf seine Frage („Spinn i?“) wissen wir keine Antwort. (Im Zweifel, meint meine Schwester, „eventuell schon“.)

Dazwischen Turmbläser. Zelten, Bosna, Leberkässemmeln, Maroni und anderes Zeug. Ich löffle die Beeren aus dem Punsch, spüre in mich, ob angeheitert (nein), packe meine zwanzig Sackerl und die Mutter und verschwinde.

Auf einmal ist’s genug. Auf einmal verschmelzen die Menschen, die Geräusche, Gerüche zu einer einzigen Masse, die legt sich aufs Gemüt und verstopft dem Denken die Ganglien. Man kriegt den starren Blick und will nur raus. Ob das ärger wird mit dem Älterwerden, dieses Nichtaushalten von Lärm und Gedränge? Der populären Menschenscheu begegne ich mit Skepsis, den meisten angeblich von ihr Befallenen ist nicht zu glauben, man könnte sie als bequemen Vorwand für Ungehobeltsein und Soziopathentum abtun, oder, was meinen Sie?

Aber. Selbst stehe ich tags darauf (also vorhin) am Linzer Bahnhof und lauere, welcher Zug der vollere sein wird, um den leereren zu nehmen. Ergiebige Verspätungen kündigen sich an, die Menge schwappt übersichtlich von einem Bahnsteig zum anderen, je nach Lautsprecherdurchsage. Ich warte. Es wird Abend, eine dicke Frau telefoniert und raucht und hört mit beidem nicht auf, bis endlich der Lautsprecher das Ende des Wartens verkündet. Ein Mensch hatte sich für den Freitod entschieden, erzählt mir der Schaffner auf meine Nachfrage. Da draußen, im kalten Dunkel, denke ich, während der Zug, der die Unglücksstelle erst umfahren musste, sich und uns noch weiter vom Unglück entfernt, da draußen trauert es gewaltig. Nicht hinspüren, denke ich gleich darauf, ist noch genug inwendige Trauer weggepackt, die möchte auch bearbeitet werden.

(Einer, der mir näher war als vermutet, ist gestorben vor einigen Wochen. Die Nachricht seines Todes hat den Verstand wohl erreicht, aber das Gefühl, wenn Sie so wollen, steht in der Ecke und hält sich Ohren und Augen zu.)

Nur gut, dass einem nebenbei genug Ablenkung serviert wird. In der Lokalbahn auf dem Weg nach Linz zum Beispiel, wühlte ich mich mühsam durch den Mann’schen Zauberberg. Nebenan konferierte junges Volk über Sexpraktiken. Der „Tittenfick“ war noch das harmloseste. Ich konnte mich dann nicht mehr wirklich gut auf den Zauberberg konzentrieren, obwohl es da so wunderbare Worte gibt wie „wuterkrankt“. Wo Thomas Mann sich in komplizierten Sätzen dem heiklen Thema der niederen Instinkte entgegenwindet, brachte man es einen knappen Meter weiter rechts unkompliziert und ernsthaft auf den Punkt: Wie oft, mit wem, wie lange und wie.

Hier, in diesem Zug, bin ich gesegnet, weil allein in einem Abteil. Einzig der Schaffner schaut vorbei und unterhält sich ein wenig mit mir. Weit, weit weg sind Polizei, Rettung und andere Behörden am Berichteschreiben und Menschentrösten, sofern das geht. Ob immer noch Blaulicht die Stelle markiert, wo sich jener oder jene entschieden hat zu sterben? Ob sich dort etwas hält, das noch dunkler ist als die Nacht auf dem Land? Etwas Verdichtetes, Bleiernes, ein sich auf Schultern senkendes Gewebe, Köpfe beugend. Schweres Gemüt.

Ich sitze gegen die Fahrtrichtung am letzten Platz des letzten Wagons. Vor mir also rast die Nacht die kühlen Geleise entlang zurück zu diesem Ort. Die ersten Ausläufer Wiens sprenkeln das Bild. Angestrengt verenge ich den Blick, hin zu diesem nicht verständlichen Geschehen, das dort im lichtlosen Schwarz nach Erklärung sucht, blaues Aufblitzen kahler Äste.

Mich hingegen umfangen die Lichter der Stadt. Ich kann mich in sie fallen lassen, kann mich abwenden, in Geschäftigkeit aufgehend meine Sachen verstauen, Taschen schließen, die Jacke anziehen, da ich angekommen bin. Am Westbahnhof schließlich vermischen sich Gerüche, Geräusche und Menschen zu einer Masse, die man wahrnimmt, oder nicht.

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