Das Unding Zeit

15/01/2009

Nimm mich mit auf die Reise

Die Zeit, dieses Unding, könne man sich vorstellen als etwas Körniges. Ein Granulat mikrowinziger Teilchen, unregelmäßig, ohne Norm. So, so ähnlich oder ganz anders. Nichts verstanden beim Zuhören, allein das Bild blieb hängen vom Körnigen, das uns umgibt, nach vorne, nach allen Seiten, rückwärts gewandt, nach innen – wir sind verdichtete Zeit.

Moleküle sind wir. Myriaden Einzelteilchen, Fischschwärmen gleich, die, aus der Distanz betrachtet, eine Form ergeben, ein Formenspiel, und sich beim Annähern verlieren in sich selbst.

Mein Freund liegt neben mir, schläft, ich stelle mir vor, wie Zeitmoleküle ihn umschweben, sich mit seinem Atem heben und senken, jede Bewegung heftig umwirbelnd, um wieder zur Ruhe zu kommen, den tiefen Schlaf beschwerend, irrlichternd im Traum.

Ich bin wach. Statt zu schlafen, liege ich mit offenen Augen und spüre den Minuten nach. Nacht für Nacht, seit einigen Tagen. Wiewohl der Körper stillhält und sich in die Tiefe ziehen lassen würde, bereit, in dunklen Ozeanen zu treiben, in ruhigen Spiralen: Das Denken zerrt nach oben; und statt die Augen zu schließen, starre ich in die Luft.

Drei Uhr, Stunde des Wolfs. Ein Wolf streift durch das graue Zimmer, und das graue Zimmer bin ich.

In der Schule lernten wir von den Atomen, aus denen alles besteht, kindliche Bilder zeigten Kern und das ihn Umsausende, dazwischen leerer Raum. Alles, was ist, hieß es, besteht aus Atomen. Langsam führte ich den Finger gegen die Wand. Ich war mir sicher, wenn man sich Zeit ließe, unendlich viel Zeit, dann könnten sich die Atome der Wand und jene des Fingers verbinden, der so in die Wand dringen würde. Wenn man nur äußerst langsam vorginge und sich vor allem auf die Zwischenräume konzentrierte, auf dieses leere Universum Raum.

Geräusche von der Straße, der Nachtbus fährt vorbei. Auf dem Rücken liegend lausche ich dem Ticken der Uhr, dem Atmen meines Freundes.

Wenn. Wenn die Zeit aus Körnern besteht. Schieben wir dann wie einen Luftpolster Zeit vor uns her? (Dieser Windhauch, der die U-Bahn ankündigt, bevor man sie hört.) Berühren wir durch unsere Vorwärtsbewegung etwas Künftiges, ehe wir von dessen Dortsein wissen? Und wenn. Wenn wir die Zeit durchmessen haben, sie geteilt haben (Schwimmer teilen das Wasser auf ihrer Bahn, schieben es hinter sich, schicken Wellen zurück an den Start), berühren wir das Vergangene?

Ich springe zwischen Jetzt und Vorher, bin wieder Kind, fasziniert von der Idee des Unendlichen, von der nach oben gewölbten Wasserhaut eines randvoll gefüllten Glases. Gäbe man winzig kleine Tropfen nach und nach zu, würde sich diese Spannung bis ins Unendliche dehnen, dachte ich, aber irgendwann müsste dennoch jener eine Tropfen zu viel erreicht sein. Aber, wenn man auch diesen wieder in Millionen unterteilte, wäre erst der Millionste Teil des Winzigen Auslöser für das Zuviel.

Natürlich war ich ein einsames Kind. Und natürlich bin ich das immer noch. Das Alleinsein ist der Raum zwischen den Kernen. (Das Maß ist voll, das Denken wölbt sich konvex.)

Der Schlaf kreist über mir, auf freie Landebahn hoffend.

Wir sprachen über die Krümmung der Zeit im Weltall, als wir zum ersten Mal ausgingen, oder krümmt sich das Weltall an sich? Mein Freund zeichnete Linien auf eine Serviette, erklärte und beschrieb, zauberte Bilder in meinen Kopf. Ich staunte über seine schmalen Hände. Wir redeten von Wurmlöchern und Quantenmechanik, von Science-Fiction und Horrorfilmen, und alles war sanft und richtig und ein Anfang.

Mein Prinz verlagert seine Position, dreht sich zu mir, legt einen Arm quer über meinen Bauch. Nimm mich mit auf die Reise, flüstere ich.

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