Nachtlauf durch München

15/11/2008

Ich laufe in mir mit mir mit

München, sag ich, Du entkommst mir nicht. Nachts um halb zehn zwieble ich mich ein, Laufhose, dicke Socken, T-Shirt, Jacke, darüber etwas Ärmelloses, auf den Kopf die Haube, um den Hals den Schal, in die Tasche den rudimentären Plan der Innenstadt aus der Hotellobby.

Drei Tage in der Stadt. Wenn es hell ist, im Messezentrum, wenn es dunkel ist, im Hotel. Dabei war ich noch nie in München und daher: Du entkommst mir doch nicht. Meint meine Sturheit, zieht den Schal enger und läuft los. Durchs Isartor Richtung Viktualienmarkt, dann, nach Gefühl, einfach weiter. Kalt ist es nur am Anfang. Viele Menschen. Schlendern vorbei, das Ausweichen ergibt Schlangenlinien. Andere kramen im Müll. München leuchtet gnädig.

Ich möchte die Welt wechseln. Nein, nicht so. Nicht sterben. Wenn ich sterbe, werde ich mich in Tönen verlieren, tage-, wochen-, jahrelang. In den Zeiträumen zwischen Grillenzirpen. Oder im Nebel den Atem anhalten, im Kühlen vergehen. Die Nichtmehrwange an kalte Fensterscheiben legen, die Nichtmehraugen geschlossen. Aufbrechen von innen her, ein Glückskeks ohne Botschaft, still, erwartungsfroh, hingegeben. (Soviel zu Allerheiligen.) Das ist dann.

Aber jetzt beißt die Kälte nur mehr im Gesicht. Die Straßen sind sauber. Ich laufe in mir mit mir mit. Vorbei an Kirchen, Schaufenstern, großen Plätzen, über Asphalt und Beton und Pflasterstein, anfangs huste ich ein wenig, dann tropft nur noch die Nase und ich schaue, und laufe, und laufe, und schaue.

Die Welt möchte ich wechseln. Was das heißt, kann ich – noch – nicht sagen. Ob es mit der Messe zusammenhängt, Medienmesse, viele Anzüge und Kostüme, Gadgets, Devices, aber. Etwas zerrt an mir und will den Blick nach innen zwingen, etwas anderes dreht sich weg und schaut nicht hin.

Stur muss man sein. Und streng. Erst nach zwanzig Minuten darf ich mir einen Blick auf den Stadtplan erlauben. Ich quere den Karlsplatz, halte mich am Altstadtring fest und bin überzeugt von der Richtung. Also weiter, dann doch ein Blick auf den Plan, bin völlig falsch. Nicht ums Eck, sondern quer am anderen Ende liegt das Hotel. Macht nichts, das Laufen fällt leicht, die Kälte trägt mich, ich trabe die Residenzstraße entlang, vorbei an Reichtum und Elend, an Gutgelaunten in großer Robe, an Verlorenen in schäbigen Jacken. Miststierler und Pelzausführer. Eine Frau singt in einer Passage ein leeres Lied, ein Eintonlied, und zuckt mir mit den Augen nach, in einer anderen Welt wäre sie ein Sukkubus, die weißen Hände langbefingert, der Mund blutrot und grausam.

Jeder kann ein Zombie sein. Auch die in den dicken Mänteln, tatsächlich gibt es hier Leute mit Trachtenhüten. Gut getarntes Fell, an die Umgebung angepasst. Vorbei, vorbei. München, sag ich, ich war gnädig zu dir. Wir sind uns bei Nacht begegnet, da durftest du glänzen, das Novembertaggrau weggepackt, die Lichter aufgezogen, geschmückt mit schönen Menschen, fröhlichen vor allem, und die Armen, die waren in den Passagen und unter den Bäumen im Park hinterm Isartor. Aber nur ganz wenige.

Zurück im Hotel, mein Hintern ist eiskalt, Tee, nein, Tee gibt’s keinen mehr, da müsste man ja extra die Maschinen wieder hochfahren. Ob ich nicht lieber ein Wasser trinken möchte. Passt schon, entschuldige ich mich beim Nachtportier für die Anmaßung, heißes Wasser aus der Leitung täte es auch. Die Treppen hoch. Im Zimmer schäle ich mich aus der Kleidung, friere kurz vor dem Spiegel, schau mich an. Schau in mein erhitztes Gesicht. Die Welt möchte ich wechseln. Wenn ich weiß, was das genau bedeutet, werde ich es Ihnen verraten.

%d Bloggern gefällt das: