Thumbs up, Mr. Gibb!

15/05/2009

Wie man 40 plus von den Stühlen reißt

Ach, tönte ich durch die vergangene Woche, Sonntag wird toll, AC/DC im Praterstadion, meine Freundin Andrea und ich mit heißbegehrten Karten bestückt und bereit zum Abrocken mit den Hardrock-Opas. Aber vorher (seufz), am Freitag, da muss ich noch zu Robin Gibb. Mein Freund ist Fan. Was man aus Liebe alles macht. Und so schlecht sind die Bee Gees ja auch nicht gewesen.

Jetzt schäme ich mich. Ich kann einfach nicht glauben, wie viel Gewese ich um das Gibb-Konzert gemacht habe. Das Konzert war nämlich hervorragend. Absolute Spitzenklasse.

Wir waren ziemlich früh dort und studierten das Publikum. Sehr gesetzt. Mein Freund meinte, wir wären die Jüngsten. Wir sind fast 42. Nicht zusammen. Jeder für sich genommen. Ein paar Jüngere fielen uns aber schon ins Auge. Und viele T-Shirts mit Strasssteinchen. Schöne Blusen und Freizeithosen. Herren mit lichter Haarpracht, Damen mit schickem grauen Kurzhaarschnitt. Die eine oder andere Gehhilfe. Wirklich! Ein wenig wie bei der Abendshow auf einem Kreuzfahrtschiff.

Die Plätze füllten sich, der Mann an meiner Seite, Bee-Gees-Experte mit Detailwissen, erstarrte in stiller Vorfreude. Licht aus: Der Saal begrüßte mit tosendem Applaus … einen kleinen, sehr dünnen Mann im großen Anzug. Robin Gibb wird 60 im Dezember, und man glaubt es ihm aufs Wort. Ob dieser zarte ältere Herr mit den roten Haaren und der blau getönten Brille Show machen kann? Funktioniert das Konzept Bee Gees auch ohne die Brüder? Seit dem Tod von Maurice Gibb 2003 gibt es die Bee Gees nicht mehr wirklich. Gemeinschaftsprojekte von Barry und Robin Gibb erscheinen unter dem Namen „Brothers Gibb“. Erfolgreich sind sie aber auch alleine: Barry Gibb nahm u. a. mit Barbra Streisand ein recht bekanntes Album auf.

Aber zurück in die Stadthalle, wo die Stimmung nach den zwei ersten Songs zwar gut, aber noch ausbaufähig war. Der Star war ein wenig wortkarg, er ließ lieber seine Daumen sprechen. Nach jedem Song gab es beidhändig und ausgiebig Thumbs Up in Richtung Publikum. Viel Zeit zum Reden war ohnehin nicht vorhanden, immerhin wollte die Generation 40 plus von den Stühlen gerissen werden. Was so einfach auch wieder nicht ist. Außer man heißt Robin Gibb und bringt die Bude zum Kochen.

Bei „Massachuchetts“ sprangen die ersten auf. Bei „You win again“ stand schon das halbe Parterre. Einschub: Ich hasse „You win again“. In meiner Jugend der absolute Garant für eine leere Tanzfläche. Man kann, finde ich, dazu nicht tanzen, sondern nur rhythmisch stampfen. Ganz versöhnt hat mich auch der letzte Freitag nicht mit dem Song, aber der nächste in Folge hat alles wieder gut gemacht: Ich liebe „Islands in the Stream“! Dolly Parton, Kenny Rogers! Unglaubliche Kombination von Stimme, Oberweite und Wespentaille. Dazu der einfache Mitsingtext. Großartig. Der Applaus kippte in Jubel und Begeisterung. Robin Gibb dankte es mit einem richtigen Satz: „When I come back, I bring Barry with me.“

Die Bee Gees haben, was nicht jeder weiß, viele, viele Songs für andere Interpreten geschrieben. Darunter so Weltnummern wie „Woman in Love“ für Barbra Streisand, oder „Heartbreaker“ für Dionne Warwick. Und das Schöne ist: Die Schnulzen standen auf der Liste. Und natürlich die Disco-Hadern. Bei „Nightfever“ begann der Saal zu kochen, alles tanzte vor der Bühne. Oder in den Rängen. Die Sitzordnung war quasi aufgehoben. Nein, man braucht sich nicht zu schämen für das Wiener Publikum. Nach „Juliette“ kam „You should be dancing“ in einer unglaublich fetzigen Variante mit tollem Gitarrenriff, und ich fühlte mich (ehrlich, ich schrieb mir genau diesen Satz in mein Notizheft) „in den Vierzigern gut angekommen“. Warum weiß ich nicht, aber die Zeit war eh schon mehr als reif.

Die berüchtigte Kopfstimme, im Original von Bruder Barry gesungen, überließ Robin einem Backgroundsänger, was gut war, weil ohne die hohen Töne hätte die Zugabe – „Tragedy“ und „Staying Alive“ – nicht funktioniert. Mittlerweile tanzte sogar ich. Weil wir so nett waren, gab es noch einmal „Juliette“, bevor sich die Band endgültig in den angebrochenen Abend verabschiedete.

Mein Resümee: Ein, wie gesagt, großartiges Konzert mit einer selten tollen Stimmung, einer fantastischen Live-Band, einem sehr lockeren und netten Robin Gibb und einem ausgeflippten Publikum. Die einzige Enttäuschung war, dass es beim Fanshop kein Gibb-T-Shirt in Größe S gab. Ich hätte das beim AC/DC-Konzert gern getragen. So als Statement. Egal. Wir fuhren heim und waren glücklich. Der einzig gültige Beweis für die gute Qualität eines musikalischen Abends. Daumen hoch, Mr. Gibb!

PS: Sonntagnacht, zurück vom AC/DC-Konzert. Glücklich und taub. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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