Schneller Durchlauf

15/06/2009

Es riecht nach Maiglöckchen und nassen Socken

Ich schnappe mir ein Buch und wandere die zweieinhalb Stockwerke hoch zum Dachgeschoss, die Wäsche wird gleich fertig sein. Hoffentlich. Manchmal spinnt der Wasserzulauf oder der Schleudergang, dann blinken vier Nullen und die Wäsche ist seifig oder tropfnass. Die Hausverwaltung fühlt sich nicht zuständig, die Hausmeisterin glaubt nicht, dass die Maschine kaputt ist – und die anderen Mieter ohne eigene Waschmaschine machen es offenbar wie ich: nachschleudern oder, im Zweifel, den schnellen Waschgang durchlaufen lassen. Ob wir alle lesen, während wir warten? In die Luft starren, Zigaretten rauchen. Die Geräusche des Hauses belauschen.

Der Aschenbecher quillt über und stinkt. Ich stelle ihn weg, drücke auf schnellen Durchlauf, setze mich auf den billigen blauen Stuhl und lese. Zwanzig Minuten später trage ich den Korb mit nasser Wäsche in meine Wohnung, während die zweite Füllung läuft. Nach weiteren vierzig Minuten mache ich mich wieder auf den Weg nach oben, das Buch unter dem Arm. Ein junger Mann kniet halb auf den letzten Stufen zum Dachgeschoss und wäscht das Geländer. Er schiebt einen roten Kübel mit Wasser und ein paar Tücher zur Seite, damit ich vorbei kann. Wir grüßen uns. Mein blauer Wäschekorb steht auf der Waschmaschine, eine ältere Frau putzt in einem der Nebenräume die Wandfliesen. Ich kenne die beiden nicht. Während ich die Wäsche nachschleudere, lese ich ein paar Seiten. Die Frau ist sehr gründlich. Sie zeigt mir die schmutzigen Innenleisten der Tür.

Eine Stunde später, ich hole die dritte Füllung. Mein Sohn macht seinen Grundwehrdienst, morgen Abend muss er wieder in die Kaserne. Mein Freund hat seine Trainingssachen mitgenommen, was weiß ich, warum wir so viel Wäsche haben heute. Im Treppenhaus riecht es nach Maiglöckchen. Das Geländer fühlt sich klebrig an. Nur noch eine letzte Füllung mit den Wollsachen – zehn grüne Militärsocken, ein dünner Pulli und eine Jacke. Im fünften Stock wischt die Frau die Aufzugtüre ab. Sie beugt sich über das Geländer und ruft „Andre, Andre!“, lauscht, keine Antwort, zuckt mit den Achseln und wischt weiter. Auf der Waschmaschine steht eine angebrochene Literflasche Coca Cola und zwei gelbe Plastikbecher.

Die zwei könnten Mutter und Sohn sein. Vielleicht Zeitarbeiter einer Firma, die Gebäude reinigt. Ich habe sie, wie gesagt, noch nie gesehen, aber der Maiglöckchenduft kommt mir bekannt vor. Sie arbeiten sich vom Dach bis zum Keller vor, Stock für Stock. Als ich den Schlüssel in das Schloss meiner Wohnungstüre stecke, fällt mir auf, wie dreckig meine Türglocke ist. Seit gut neun Jahren wohne ich hier. Ich kann mich nicht erinnern, die Glocke je geputzt zu haben.

Mutter und Sohn. Ich überlege mir, wie es wäre, fremde Häuser zu putzen. Wie es wäre, gerade so viel zu verdienen, dass es reicht. Meine Couch ist zwanzig Jahre alt, zerschlissen und kaputt. Ich würde mir keine neue kaufen können. Und wenn, dann nicht die, die ich will. Sondern die, von der ich mir einreden würde, sie sei ganz hübsch. Wir würden niemals in Erwägung ziehen, einfach mit dem Taxi zu fahren, weil es, na ja, auch mal ok ist. Kino und alles andere vielleicht einmal im Monat, wenn es ein guter Monat war. Ich würde Charlie eher nicht schreiben: „He, wenn du möchtest, dass ich nach Florida komme, dann komme ich.“

Charlie ist alt. Er mailte mir gestern: „I am going downhill too fast.“ Seine Europareise im September hat er storniert. Seit ich ihn kenne, redet er vom Tod, manchmal beiläufig, oft sehr direkt. Er ist ein Mann voller Lebenskraft und Traurigkeit, eine aggressive Mischung. Wenn es soweit ist, werde ich einen Flug buchen, nach Miami oder Fort Myers, mir ein Mietauto nehmen und nach Ocala fahren, mit ihm und seiner Frau und seiner Tochter traurig sein, noch einmal fröhlich sein, mich verabschieden. Es wäre mir egal, dass ich dann noch weniger Geld auf dem Konto hätte, weil ich keine Schulden habe und ein gutes Einkommen und Zuversicht, dass es so weitergeht.

Aber. Wenn nicht? Ich hänge die Wäsche auf den Ständer, ein kompliziertes System – die Sachen meines Sohnes müssen bis morgen Abend trocken sein, die meines Freundes haben Zeit bis Montagmorgen, meine können hängen bleiben, bis ich Lust habe, sie wegzuräumen. Unter der Woche bin ich allein. Bilder wandern mir träge durch den Sinn, von mir und meinem Sohn, irgendwo in einem fremden Land Häuser putzend, in einem Eck ein Discountersackerl mit Getränken und ein paar Broten, am Abend täte mir der Rücken weh, den Maiglöckchenduft ständig in der Nase.

Mehr fällt mir nicht ein. Ich drücke mein Gesicht in den nassen Wollpulli. Er riecht nach Militärsocken.

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