Flieg, Dostojewski, flieg!

15/08/2009

Am Ende ist nichts geordnet

Ich nehme. Meine Bücher, meine Bänke, meine Polstermöbel und werfe alles auf die Straße. Der Tisch fliegt hinterher, ein Drachen aus Holz, dem das Segeln nicht gelingt. Ich nehme. Die Bildung, die ich nicht habe, die Wörter, die mir fehlen, die Geduld, die sich verbirgt. Und stelle alles, in Müllsäcke verpackt, vor die Tür.

Draußen warten Bettler und Insekten, leere Plastikflaschen und Suppendosen, halbgeöffnet.

Ich nehme. Dich. Mitten im Zimmer lass ich dich stehen. Setze mich dann auf den Boden, an die Wand. Meine Hände fassen in den Staub von vielen Jahren, am Ende ist nichts rein, nichts geordnet. Was macht das für einen Sinn, wenn man nur von unten schreiben kann?

Draußen raschelt es, Bettler haben die schwarzen Säcke geöffnet, finden die Wörter. Probieren deren Geschmack am Gaumen, wie den von Wein oder Schnaps. Der eine sagt: Obsolet! Der andere: Quadratur! Und der dritte schweigt, weil er sich nicht traut.

Gestern saßen wir am Abend mit Freunden im weiten Gastgarten, nebenan drängte sich ein Pärchen aneinander, unübersehbar sehr verliebt. Ein hübsches Paar, recht jung und schlank. Er drehte sich zu uns um mit einer Frage. Sie wollten berechnen, sagte er, wie viele Gelsen es brauchen würde, um einen Menschen auszusaugen. So, dass er daran stirbt. Wir lachten und diskutierten sofort: Wie groß kann die Menge sein, die eine Gelse pro Stich entnimmt? Und der Stich selbst, der geht ja nicht tief. Also verbluten?

20.000 Gelsen! Das hätten sie so berechnet, sagte später der junge Mann vom Nebentisch. Nahm sein Mädchen und löste sich auf mit ihr in der warmen Nacht. Wir sahen ihnen nach, jeder für sich, die Köpfe geneigt. Natürlich stimmt die Rechnung und wehe, Sie sagen: Nein, kann nicht sein. Es ist ganz egal.

Meine erste große Liebe kam mir in den Sinn, vor 23 Jahren, wir saßen uns in einem Wirtshaus in Urfahr gegenüber und leuchteten. Er, groß, rothaarig und schön, mit einem Lächeln, ich sage Ihnen, unbeschreiblich, fütterte mich – ich konnte nicht essen vor lauter Gefühl. Die Leute bedachten uns mit netten Blicken. Wir waren das Zentrum der Welt und liefen, Hand in Hand, über die Brücke durch das nächtliche Linz.

Den letzten Zug hatte ich verpasst, das gab ein Donnerwetter am Morgen vom Vater, obwohl nichts geschehen war. Natürlich war alles geschehen, aber eben das eine jene nicht. Das eine jene kam erst später.

Mysterium, flüstert der dritte Bettler draußen, und räuspert sich. Bettler eins und zwei applaudieren dezent mit ihren fingerlosen Handschuhen, weil das ist wohl das schönste Wort im Mistsack. Die Insekten haben sich in einer leeren Dose versammelt, dort kriechen sie sich über Beine und Panzer und sagen: Ach, geben Sie doch Obacht, sehen Sie denn nicht, Sie stehen auf meinem fünften Fuß und knittern mir die Fühler, das macht mich ganz nervös!

Du hast dich neben mich gesetzt. An die kühle Wand gelehnt lauschen wir dem Rascheln von Chitin, dem Reiben winziger Flügel. Lauschen unserem Gleichklang. Jetzt grad müsstest du mich füttern wie der Rothaarige damals, ich könnt wieder nicht essen vor lauter Gefühl.

Später werden wir die Dose sacht mit einem Blatt Papier verschließen und in den Park hinübergehen, wo Insekten wohnen sollten.

Auf der Straße stehen mein Tisch und meine Bänke, beleidigt vom Fall, aber berauscht von der Sonne. Die Bücher liegen faul in der Gegend herum, ohne Scham geöffnet. Und weil man nie genug haben kann, und weil der Abendhimmel so weit ist über den Häuserschluchten, nehme ich eines und werfe es hoch in die Luft: Flieg, Dostojewski, singe ich, flieg!

Die Bettler biegen um die Ecke. Der erste schleppt einen Sessel, der zweite eine Bank. Auch den schwarzen Mistsack haben sie dabei, der dritte Bettler trägt ihn fort.

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