Rekontra

09/05/2011

Vier Herren sitzen am gewohnten Tisch im Café Sperl, im hinteren Eck, gleich an der getafelten Holzwand. Ein Schleier aus blauem Rauch schwebt über den Köpfen, Sonne scheint durch die Fenster. Herr Em rückt ein wenig nach rechts, weil vom Licht geblendet. Tausend Staubpartikel tanzen ihm fröhlich um die Nase. Em niest. Die Runde ergeht sich in Gesundheitswünschen. „Du hast ja einen Glorienschein, Em“, meint der Herr zu seiner Linken, und alle lachen. Nur Em nicht, er wischt sich die Nase, schaut streng und sagt: „Du sollst nicht reden, Radinger, du sollst reizen.“ Radinger stiert in seine Karten und reizt. „Pass“, sagt Hofrat Luber, der neben Radinger sitzt, die Lippen schürzt und mit dem Schnurrbart wackelt. Auch der Vierte am Tisch passt, übrigens ein sehr dicker Mann mit hochrotem Gesicht, er heißt Engelbert Zartfuß.

Jetzt wäre Em wieder an der Reihe, und Zartfuß, der ihm in die Karten spechtelt, sieht, dass dieser kontern könnte. Tut er aber nicht. Em schaut zur Schank, wo die Ober hin und her flitzen und kleine, ovale Silbertabletts mit Melange-Tassen, Wassergläsern und Zuckerstreuern zwischen den Tischen jonglieren. Dabei müssen sie elegant ausufernden Damen ausweichen, die mit großen Gesten freien Plätzen zustreben. Wie die eine hier, die sich gerade umdreht und nach der Freundin ruft: „Komm, Lotte, da hinten ist noch ein Platzerl frei!“, dabei mit dem den Weg weisenden Arm, an dem die Tasche baumelt, fast den Ober abschießt. Em zuckt zusammen. Der Ober reißt schlingernd den Kaffee in die Höhe, balanciert, sich nach hinten beugend, das Tablett mit der fragilen Fracht über japanischen Touristen, die wie auf Kommando die Köpfe einziehen. Em hält den Atem an und zieht die Schultern zurück. Den Rumpf unnatürlich nach hinten verzogen, den Arm über den Japanern schwenkend wie eine böse Verheißung, begrüßt der Ober die Damen mit eleganter Mimik, ein feines Lächeln im leicht geneigten Gesicht: „Grüssie, gnä‘ Frau, gleich bin ich bei Ihnen, Madame, ein winziges Momenterl! Nehmen’s Platz, dauert nicht lang.“ Die Damen ziehen vorüber, die hohen Nasen drücken ihr Wohlwollen aus, der Ober verbeugt sich abschließend unmerklich, und Herr Em, fasziniert, tut es ihm gleich: Er verbeugt sich unbewusst und lächelt seinerseits fein. Seinen Bridge-Kollegen entgeht diese subtile Metamorphose in ihrem Rücken. Sie waren Ems Blicken gefolgt, nachdem er weder passen noch kontern wollte. Radinger und Luber sehen dem Jonglierakt zu, Zartfuß bewundert das wohlgefüllte Dekolleté der nun endlich sitzenden Damen.

„Kontra“, sagt Em und seufzt. Die anderen drehen sich wieder zum Tisch. „Der Herr Edmund ist heut‘ gar nicht da“, stellt Hofrat Luber fest und meint damit den Ober, der Em vor den Bridge-Runden zur Melange immer „Die Presse“ serviert. Radinger nickt: „Und das bei dem Betrieb.“ Zartfuß studiert sein Blatt und murmelt, ganz beiläufig, man hat ihm schließlich noch immer nicht sein Achterl Roten gebracht: „Vielleicht könnten’s a Aushüf brauchen.“ Worauf es Em in den Beinen zu jucken beginnt. Ihm kommt der verwegene Gedanke, aufzustehen, am Nachbartisch die Gläser abzuräumen, und dort hinten die jungen Leute haben ja auch noch nichts bestellt, und dem Zartfuß fehlt der Rote … Er streckt sich im Sitzen in die Höhe, überblickt die Lage, schwelgt kurz in der Vorstellung … und antwortet dann doch auf die Frage, welche Farbe nun Trumpf sei. „Pik“, sagt Em und spielt aus. Zuhause richtet Emilie gerade das Abendbrot. Danach ein wenig fernsehen und ins Bett. Dann ist wieder ein Tag vorbei, an dem Em zwar schlafen geht, aber nicht müde ist. Und wenn doch, dann nur vom Müdesein an sich. „Rekontra“, schlägt Radinger vor.

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