„Man müsse der beständigen Verwolfung deutlich entgegentreten. Der fremde Mann klopfte das Gesagte in den Tisch, es schien, er klopfte so den billig weiß beschichteten Esstisch hinein in einen anderen Zustand, vernarbtes Vollholz wuchs unter seinen Fingerknöcheln, bei jedem Klopfen ein wenig mehr. Unter dem Staunen der Kinder die – husch husch – weggeschickt worden waren. Ins Bett? So früh? Alle?“

Beginn meiner Erzählung Verwolfung. Der ganze Text ist ist frisch erschienen – in der aktuellen Ausgabe von Literatur und Kritik (März 2017, Nr. 511/512).

Donauwalzer III

31/12/2011

Nachdem Elfriede Grineiderl bei ihrem Franzl abgeblitzt ist („Geh Schatzerl“, hat er g’sagt, „i hob‘ do grad g’essn!“), zieht sie das Fräulein Anna-Maria Stachel auf die Tanzfläche im Pensionistenvereinslokal. Weihnachtsfeier! Lichterketten hängen glitzernd an den Wänden, die Damen sind schön gewandet und die Herren wohlwollend. „Fesch haben‘s das hergerichtet, gell“, sagt das Fräulein Anna-Maria zur Elfriede, die „ja, eh“ sagt und sich wieder der Aufgabe widmet, die Freundin auf den Donauwalzer einzurichten. Den Rest des Beitrags lesen »

Donauwalzer II

02/09/2011

Frau Jedlicek und Frau Otto tanzen. Frau Elberich und Frau Gertrude, niemand weiß ihren Nachnamen, tanzen auch. Frau Singer schwingt mit der Frau vom Pastor über das Pfarrsaalparkett, der Pastor selbst sitzt mit dem Pfarrer an der Bar. Dahinter steht die Irmi vom Schlachter Josef, das jüngste seiner drei Mädchen. „Vier“, sagt der Schlachter Josef. Ein Fleischfächer, denkt der prosaisch angehauchte Pfarrer angesichts der vier dicken Schlachter-Finger, mit denen ihm der Josef vor der Nase wachelt. „Ah, vier sind’s“, sagt der Pfarrer, und der Josef rülpst, bevor er meint: „Musst es ja wissen, hast’s ja tauft.“ Dann, zur Irmi: „Geh, gib ma noch a Bier.“ Irmi folgt. Den Rest des Beitrags lesen »

Donauwalzer I

22/08/2011

Frau Rot und Frau Devot tanzen Donauwalzer. Frau Rot führt, Frau Devot gibt sich hin. Sie versucht nicht mehr, dem großen Busen von Frau Rot auszuweichen. „Ach“, sagt Frau Rot, dreht sich und die andere schwungvoll im Kreis, „man spürt Sie kaum, Elisabeth, Sie sind ja eine Feder, ja, eine Feder sind Sie!“ Die Feder lächelt und summt zur Musik, den Kopf in den Nacken gelegt. Das Parkett wird weit, der Boden glatt, die Luft ist so geschwängert, wie Luft geschwängert sein kann und Elisabeth weiß gar nicht, womit. Der Reif an ihrer linken Hand, grüner Smaragd in ziseliertem Silber, klappert gegen Frau Rots Perlenarmband. Sie walzen durch den Saal. Am Orchester vorbei. Der erste Geiger zwinkert, einer der Bratschisten schüttelt den Kopf, die Harfenistin verzupft sich. Vorbei an den weißen Tischen und den besamteten Stühlen, vorbei an Honoratioren und feinen Damen, vorbei an Kellnern in Frack und Handschuhen. „Was ist ein Fernando-Botero-Weib?“, fragt einer den anderen. Den Rest des Beitrags lesen »

Rekontra

09/05/2011

Vier Herren sitzen am gewohnten Tisch im Café Sperl, im hinteren Eck, gleich an der getafelten Holzwand. Ein Schleier aus blauem Rauch schwebt über den Köpfen, Sonne scheint durch die Fenster. Herr Em rückt ein wenig nach rechts, weil vom Licht geblendet. Tausend Staubpartikel tanzen ihm fröhlich um die Nase. Em niest. Die Runde ergeht sich in Gesundheitswünschen. „Du hast ja einen Glorienschein, Em“, meint der Herr zu seiner Linken, und alle lachen. Nur Em nicht, er wischt sich die Nase, schaut streng und sagt: „Du sollst nicht reden, Radinger, du sollst reizen.“ Radinger stiert in seine Karten und reizt. „Pass“, sagt Hofrat Luber, der neben Radinger sitzt, die Lippen schürzt und mit dem Schnurrbart wackelt. Auch der Vierte am Tisch passt, übrigens ein sehr dicker Mann mit hochrotem Gesicht, er heißt Engelbert Zartfuß. Den Rest des Beitrags lesen »

Blind Date

28/03/2011

F: …
H: Guten Tag.
F: …
H: Guten Tag.
F: …
H: Ähem.
F: Entschuldigen Sie.
H: Gerne. Was?
F: Was, ‚was‘?
H: Sie meinten: ‚Entschuldigen Sie.‘ Was soll ich entschuldigen?
F: Sie sind ein Hund. Den Rest des Beitrags lesen »

Der Morgen weht graues Licht durch die Straßen. Fräulein Luise und die anderen verlassen, zerschlissene Jacken umgeworfen, die nächtliche Gruft, ihr Asyl. Sie gehen, stolpern, hinken in den Park, zum Bahnhof, in Wärmestuben, aufs Arbeitsamt, zum Supermarkt, zum billigen Tetra-Pak-Rotwein, den sie teilnahmslos der Kassiererin unter die Nase halten, den diese teilnahmslos abkassiert, worauf in kleinen Münzen umständlich bezahlt wird, derweil dahinter der Herr mit dem  Käse-Mortadella-Weckerl ungeduldig ein Wirtschaftsblatt über die Mini-Schnapsflaschen deckt, die, ihrerseits ungeduldig, warten und raunen und klagen, dass sie getrunken werden wollen. Sind praktisch, sagt der Herr in die Fischaugen der Kassiererin, für die Verdauung. Und die sagt nix außer „10,90. Brauchen‘s ein Sackerl?“ Derweil humpelt das Tetra-Pak schon wieder auf der Straße, steigt verboten, weil gratis, in eine Straßenbahn, setzt sich neben eine hübsche Blonde, die dann doch aussteigen möchte, ein paar Stationen zu Fuß wären gut, das Wetter ist so schön, drückt sich vorbei am Geruchskatalog, den Finger an der Nase, man will ja nicht unhöflich sein. Die Straßenbahn hält, die Tür öffnet, die Blonde zieht Luft ein, fragt sich, ob sie wohl jetzt auch stinkt, riecht am Ärmel des guten Mantels, dabei klirren ihre Armreifen, was zwei Männer gegenüber hören, die gerade ein Auto beladen oder entladen, das sieht man von hier nicht so genau, um das zu sehen, müsste man länger hier stehen, und für den Moment ist ohnehin Stillstand im Beladen oder Entladen, weil sie der Bewegung einer Hand zusehen, die Männer, und hellem Haar beim Glänzen. Derweil ihr Chef sein Auto in eine Lücke zwängt, was nicht so einfach ist, wenn die Mini-Schnapsflaschen in der Brusttasche zetern und wetzen, weil sie, endlich, getrunken werden wollen, also touchiert der Herr, um sich zu beruhigen, das Vorderauto, einen Fiat Punto. Weiberauto, raunzt der Herr, dessen knatschiges Touchiergeräusch, dieser kleine Lärm, den Blick der zwei Männer zurückgepfiffen hat, und flugs arbeiten sie weiter. Die Blonde stöckelt davon, befriedigt vom Nichtstinken, gelobt sei die Parfumgöttin, übersieht fast die Pantoffeln vom Fräulein Luise, das sich gewächsartig im Eingang eines leer stehenden Eineuroshops ausgebreitet hat, mit einem Teppich aus Gratiszeitung und Karton unter dem Hintern, zwei mit Fetzen und Zeug prallvolle Billasackerln hinter dem krummen Rücken. Eine verfilzte Kugel, die Jacke falsch geknöpft, darüber zahnloses Misstrauen, darunter dickstrumpfige Beine auf den Gehweg streckend, die Zehen löchrig grüßend. Die Arme, denkt die Blonde, Hausschuhe! Und was für eine Welt. Bückt sich kleingeldgebend, geht weiter, weil genug. 75 Cent, zählt Fräulein Luise, greift sich die Wasserflasche und begießt die Ecken links und rechts, angepisst wirkt besser. Rinnsale wachsen auf Beton, derweil am Praterstern Tetra-Pak begrüßt wird mit großem Hallo.

(Preis der Jury beim Wettbewerb für Kürzestprosa, veranstaltet vom Schreibwerk Berlin im Jänner 2011. Erschienen in der Anthologie „Kühner Kosmos“, Landbeck Verlag.)