Donauwalzer I

22/08/2011

Frau Rot und Frau Devot tanzen Donauwalzer. Frau Rot führt, Frau Devot gibt sich hin. Sie versucht nicht mehr, dem großen Busen von Frau Rot auszuweichen. „Ach“, sagt Frau Rot, dreht sich und die andere schwungvoll im Kreis, „man spürt Sie kaum, Elisabeth, Sie sind ja eine Feder, ja, eine Feder sind Sie!“ Die Feder lächelt und summt zur Musik, den Kopf in den Nacken gelegt. Das Parkett wird weit, der Boden glatt, die Luft ist so geschwängert, wie Luft geschwängert sein kann und Elisabeth weiß gar nicht, womit. Der Reif an ihrer linken Hand, grüner Smaragd in ziseliertem Silber, klappert gegen Frau Rots Perlenarmband. Sie walzen durch den Saal. Am Orchester vorbei. Der erste Geiger zwinkert, einer der Bratschisten schüttelt den Kopf, die Harfenistin verzupft sich. Vorbei an den weißen Tischen und den besamteten Stühlen, vorbei an Honoratioren und feinen Damen, vorbei an Kellnern in Frack und Handschuhen. „Was ist ein Fernando-Botero-Weib?“, fragt einer den anderen.

Das ist kein Hintern, das ist ein Arsch, denkt Herr Devot und räuspert sich, als das üppige Leben mit seiner Frau im Schlepptau auch an ihm vorbeizieht. „Wie meinen?“ Herr Rot beugt sich zu seinem Freund, das Tischlein ächzt unter der Last seiner aufgestützten Hand. „Äh, ich meine nur, Sie wissen, Eugen“, hilflos dreht Devot am Rotweinglas, „äh“. „Ja, ja, genau“, stimmt Rot zu, der nichts verstanden hat, aber der Frau vom Devot ins Rückendekolleté starrt, als gäbe es kein Morgen. So eine Eleganz. Hingegen die seine. Na, lassen wir das, denkt er und rückt sich dezent den Schritt zurecht.

„Huch!“, ein kleiner Aufruhr im Gewoge der tanzenden Paare, man brandet gemeinschaftlich gegen einen Felsen im roten Seidenkleid. Frau Rot und Frau Devot bücken sich nach dem silbergrünen Smaragdreif, der vom Handgelenk gerutscht ist und in kreiselnder Bewegung einen eigenen Tanz aufführt. Im Bücken geht Frau Rots mächtiger Hintern auf wie die Sonne über Capri. Herr Devot seufzt. „Den hat sie von ihrer Mutter“, sagt er. Rot nickt zustimmend und will schon fragen, woher Devot die Mutter seiner Frau kennt, da kommt er drauf: Nicht der Arsch ist gemeint, sondern der Armreif. „Schönes Stück“, sagt Rot, „eine Spur zu groß vielleicht. Könnte man kleiner machen.“ „Sehr schönes Stück“, sagt Devot, ganz in den Anblick der Capri-Sonne versunken, und: „Bloß nicht, wär‘ ewig schad‘.“ Rot reißt sich aus der Rückansicht der Devotschen Gemahlin: „Wie meinen?“ Worauf der andere die Augen senkt, sich einen Flusen vom Hosenbein streift, schnaubt, zum Glas greift und meint: „Ein Erbstück, lieber Freund, der Armreif. Ein Erbstück. Prost.“

Die Damen walzen weiter, die Männer stoßen an.

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