Stodertal, Ewigschatten

04/08/2010

Im Schweigeraum des Vaters

Gegenüber hockt eine Taube im Abendlicht gerade so hinter der Dachkante, dass nur ihr gedrungener Oberkörper zu sehen ist. Sofern Tauben Oberkörper haben. Sie sieht sich die pfeiligen Schwalben an, folgt ihnen mit Kopf und Schnabel. Drei Äpfel liegen neben mir auf der Holzbank, erst dachte ich, sie wären so duftig, dann war es doch der ganze Garten. Ob die Tauben hier weniger grauslich sind als in Wien? Gegenüber, am Hausdach, wird ein Kopf eingezogen.

Ob hier alles weniger dreckig ist, ich selbst eingeschlossen? Ich sitze (wieder einmal) im Garten der Eltern, mit Taube und der üblichen Katze und schreibe, was ich seh.

Spitzwegerich und Breitwegerich, zum Beispiel. Wenn Sie eine Bremse beißt, eine Gelse sticht, dann zerdrücken Sie das Kraut ein wenig und verreiben den Saft auf dem Dippel. Soll helfen. So geschehen heute, beim Wandern mit Eltern und Bekannten, im sauberen Stodertal neben dem klaren Wasser der Steyr. Der Bremsenbiss lässt mein Handgelenk etwas anschwellen, was die Suche nach dem einen oder dem anderen Wegerich auslöst, ich fühle mich wie ein umsorgtes Kind, was passt, denn heute bin ich die Jüngste.

Mein Vater und ich gehen beim Wandern vorneweg, entfernen uns immer weiter von den anderen. Insgesamt sind wir heute dreizehn Leute, wir waren auch schon mit größeren Gruppen unterwegs, und wir zwei: immer vorneweg, ein anderes Tempo wählend, eines, das uns allein sein lässt. Manchmal schwappen wir in ein kurzes Gespräch, dann sind wir wieder still.

Früher waren die schönsten Momente mit dem Vater diese: Frühmorgens zum Fischen, in der Holzzille auf der Aschach treibend, umgeben von frühnebeligem Wasser und schräger Morgensonne und langem Schweigen und großer Nähe. Ich fing die Rotaugen, er Zander und Hechte, und dann hatte auch ich einen kleinen Hecht an der Angel. Die Zille schwankte und trotzdem musste ich stehenbleiben und mit dem Fisch allein zurechtkommen, bis ihn mein Vater aus dem Wasser keschern konnte. Ich war stolz. Den Hecht ließen wir wieder frei. Mit meinem Vater fischen zu gehen, das hieß, in seinen Schweigeraum einzutreten und dort mit ihm allein sein zu dürfen.

Der Pfad führt durch den Wald, im Ewigschatten einer Wegkurve wimmelt es in einer Pfütze, Kaulquappen, hundert mindestens, wahrscheinlich viel mehr, man müsste stehenbleiben und einen Stock oder zumindest einen Blick in das Gewurl versenken, aber er lässt mir keine Zeit und ich will auch vorne gehen, vor den anderen und dann später auf die Mutter warten, die, eingepackt in die Menge von Wanderstöcken und -schuhen und -hosen, schließlich auch kommt und uns für den Moment komplettiert.

Der Schweigeraum des Vaters, das ist so ein Sehnsuchtsort. Die Großmutter hatte auch so einen besonderen Raum um sich, der mich einnahm und das Wirre beruhigte. Wenn ich als Kind die Oma betrachtete, oder einfach neben ihr war, glättete sich das Raue ein wenig oder war zumindest nicht mehr so wichtig. Beim Vater findet sich das wieder und hallt als Echo in mir nach. Man stellt sich in das Dunkle hinter dem Eingang einer Höhle und weiß, man sieht nicht alles und muss es nicht sehen, das ist ein Gefühl von Gewinn und Verlust in einem, ich kann es nicht anders beschreiben.

Ich sitze im stillen Garten und suche nach Worten. Das, was ich sagen will, entzieht sich mir, auch unser Familienleben war etwas, das sich uns immer wieder entzog, meinen Geschwistern, meinen Eltern, mir. Das kennen alle Wirts- und Bauernkinder, wir mussten es inszenieren und waren gut darin und hatten vor allem keine Zeit, genauer hinzusehen. Etwa: Aus welchen Zutaten das Geheime besteht, das den Vater umgibt. Das Einzelne lässt sich definieren. Er ist direkt, genau, beobachtend, er wägt ab, bevor er spricht, er erzählt gern und mag die Stille trotzdem. Aber das Ganze ist nicht so einfach zu fassen. Das ist wie mit diesem mathematischen Phänomen der Kugel, die, in Einzelteile zerlegt und wieder nahtlos zusammengesetzt, plötzlich ein höheres Volumen aufweist, und niemand kann sagen, warum.

Vielleicht wird das noch klarer mit der Zeit. Vielleicht verstehe ich dann auch die unsichtbaren Grenzen besser, die mich umgeben, und die mit Einsamkeit ebenso zu tun haben wie mit intensivem Erleben und Freiraum und Autonomie.

Bei der Kneippstation bleibe ich mit drei anderen Frauen zurück. Wir ziehen uns die Schuhe aus und stelzen durch das eiskalte Wasser, bis die Füße wehtun. Mittlerweile haben uns auch die Langsamsten der Gruppe überholt, ich tauche in das Geplaudere ein und gehe schließlich neben der Mutter das letzte Stück. Mein Vater wartet schon beim Auto, hat dessen Türen und Kofferraum geöffnet, ist abfahrbereit, ein kleiner Punkt auf dem großen Parkplatz, den wir noch überqueren müssen, um ihn zu erreichen. Er drängt nicht. Er ist einfach schon da und wartet. Die Gruppe splittet sich in Untergruppen, die einen wollen einkehren, die anderen – so auch wir – heimfahren, ich biete an, das Auto zu lenken. Mein Vater sitzt neben mir und beschränkt meine Geschwindigkeit auf etwas unter dem Erlaubten. Dazwischen sind wir mit der Außenwelt beschäftigt und damit, wie sie auf uns wirkt, jeder für sich.

Daheim bin ich müde, staubig und das auch innen. Ich schlafe dreckig im Ohrensessel ein, zusammengerollt, als wär ich zehn Jahre alt und nicht vier Mal mehr plus fast drei.

Jetzt, im aufgeräumten Garten. Die Tauben auf dem Dach sind weg, wahrscheinlich waren es gar keine Tauben, sondern Amseln, so, wie sie flogen. Vorhin saß eine auf dem Hochbeet und sah uns direkt in die Augen. Die Katze richtete sich auf und machte Anstalten, aber da war die Amsel auch schon wieder weg.

Es wird immer dunkler, und: Für heute ist’s genug.