Donauwalzer III

31/12/2011

Nachdem Elfriede Grineiderl bei ihrem Franzl abgeblitzt ist („Geh Schatzerl“, hat er g’sagt, „i hob‘ do grad g’essn!“), zieht sie das Fräulein Anna-Maria Stachel auf die Tanzfläche im Pensionistenvereinslokal. Weihnachtsfeier! Lichterketten hängen glitzernd an den Wänden, die Damen sind schön gewandet und die Herren wohlwollend. „Fesch haben‘s das hergerichtet, gell“, sagt das Fräulein Anna-Maria zur Elfriede, die „ja, eh“ sagt und sich wieder der Aufgabe widmet, die Freundin auf den Donauwalzer einzurichten. Weil der müsste jetzt kommen, wenn das ihre Dings ist, also ihre „CD“, oder wie, die da grad gespielt wird, und hoffentlich geht der Herr Gustav   v o r s i c h t i g   damit um, letztes Jahr hat der Herr Gustav eine zerkratzt und danach musste sie das Ding polieren, und dann ist gar nichts mehr gegangen, und deswegen vertraue sie dem Herrn Gustav nicht mehr so richtig. Sagt sie in einem Atemzug und arrangiert gleichzeitig Arme, Beine und Hüften der Anna-Maria. Dann holt sie Luft. „Ich führe, Annerl.“ „Links oder rechts?“ „Das wirst schon merk’n, Mauserl.“

Das Mauserl pariert und schließt die Augen. „So ist’s brav“, kommentiert Elfriede, „lass dich fallen.“ Sie wirft einen letzten Blick auf den verdauenden Franzl. Die anderen erwartungsfrohen Paare schauen zum Gustl. Johann Strauß schwebt durch den Saal und hebt das Dirigentenstaberl, die ersten Wogen wogen, Kunstseidenblusen knistern, Elfriede festigt den Griff und Anna-Maria stöhnt ein bisserl. „Ned so fest, Friederl.“ „Entschuldige, Annerl, ich vergess‘ immer, was du für zarte Hände hast.“

Man walzt durch die Weihnachtsdekoration. Das Fräulein hat die Augen immer noch geschlossen und singt leise mit, von schön und blau und Tal und Au, vom silbernen Band und den fröhlichen Herzen. Während sie sich so singend treiben lässt, führt Elfriede Grineiderl und denkt sich ihren Teil. ‚Ein Mysterium ist die Anna-Maria. Hat sie die Augen offen, fallt sie über die eigenen Füß‘ und trifft keinen Ton. Kaum macht sie die Augen zu, tanzt‘s wie ein Afferl und singt wie eine Lerche.‘ Elfriede legt den Kopf schief und schaut die Freundin an. Besonders der leichte Flaum über der Oberlippe hat es ihr angetan. ‚Am liebsten würde ich ihr dorthin ein Busserl geben‘, denkt sie. Und schreckt sich. ‚Was denkst denn da, Elfriede, also sowas.‘ Sie schaut schnell weg, aber, der Flaum, dieses Pelzchen, zwingt ihren Blick. ‚Das ist sicher ganz weich‘, kommt ihr in den Sinn.

Ausgerechnet in dem Moment nimmt die Freundin, das Lercherl, das Afferl, das Mauserl, eine Walzerkurve mit zu viel Schwung und kollidiert hüftweise mit Elfriede. Ein Schauer rieselt in lang schon brachliegendes Gelände, in unbeackerte Felder (der Franzl verdaut noch immer), ein Zwirbeln kringelt sich die Wirbelsäule empor und ein kleiner Muskel zuckt verschämt am Grund des Ozeans. „Ach“, seufzt Elfriede Grineiderl, worauf die Anna-Maria die Lider hebt und sich Aug‘ in Aug‘ im vertrauten Gesicht der Freundin wiederfindet, das sich dem ihren stark genähert hat mit einem Blick, also, der Blick, das ist ja … „Elfriede“, flüstert sie, und „ja“, flüstert die andere und dann versteht die eine und die Härchen über der Lippe beben ein wenig. „Ach, Friederl“, seufzt jetzt auch Anna-Maria, schmiegt sich in die Kunstseide, schiebt die Brust ein wenig hin, ein wenig her, der Stoff reibt sich elektrisch durch den Komfort-BH, der Griff der einen wird fester, die Beine der anderen weicher, das Schnaufen, das Ahnen, das Tanzen, das Wogen, das Sehnen, das Wissen, die Möglichkeiten, die sich da auftun, ein Taumel erfasst die Freundinnen, aber nur im Ansatz, weil, der Walzer ist aus, der Herr Gustav hat schon wieder noch im letzten Takt auf die Stopptaste gedrückt, der Banause.

„Ein Kunstmensch ist das nicht“, sagt die Elfriede und lässt nicht los, und „nein“, sagt die Anna-Maria und lächelt fein, und lässt auch nicht los, erst ein bisserl später lassen sie voneinander, den Bruchteil einer Sekunde spät genug, dass rundherum keiner was merkt, aber die beiden Bescheid wissen übereinand‘ mit letzter Sicherheit. Und während sich der Franzl aufstoßend an die Brust klopft, flüstert Elfriede: „So ein schönes Weihnachten.“ Und Anna-Maria flüstert zurück, sich mit dem Finger über das flaumige Pelzchen streichelnd: „Wart‘ bis zur Bescherung.“ Leiser Schauer, auf beiden Seiten.

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