Stammbuch, 1974.

07/06/2019

Der Elke ins Stammbuch geschrieben.

Letztes Jahr lief mir Elke über den Weg, bei einer Lesung in Linz. Ich hätt sie fast nicht erkannt. Oder, ehrlich: Ich hab sie nicht erkannt, wie auch. Beide sind wir über fünfzig, damals waren wir Volksschulkinder gewesen, unsere Lehrerin hieß Frau Roither, unsere Sessel, Tische, Hände waren klein.

Gestern hat mir Elke dieses Bild geschickt, sie hat ihr Stammbuch gefunden und darin mein Verslein. Es rührt mich an, ich sehe in meinen Zeilen das Angestrengte, das Zünglein im Mundwinkel, den Versuch, halbwegs schön zu schreiben, in einer geraden Linie, die unweigerlich zur Schrägung wird. Mir zum Vorwurf, immer wieder. 

Ich erinnere mich an viele Versuche, mir selbst eine andere Schrift anzulernen, eine gleichmäßig runde, oder eine sauber nach links geneigte. Alle Großbuchstaben in der richtigen Größe, alle Kleinbuchstaben in einer Flucht, der Beginn der nächsten Zeile wie mit dem Lineal gezogen, millimetergenau unter dem ersten Wort der vorigen Zeile.

Von außen hieß es: Sei nicht so schlampig, bring deine Hefte und Bücher in Ordnung. Er hallte nach ins Innere, dieser Makel des Schlampigen.

Im Zeichenunterricht malten wir Vorlagen aus, ich konnte die Linien nicht einhalten. Immer wieder rutschte ein Buntstiftstrich über die Begrenzung, war das Braun eines Stammes im Grün der Wiese, das Gelb der Sonne im Himmelblau, das seinerseits die Wolken erwischte, die freigelassen hätten werden sollen, weil: Die sind doch weiß, Karin. Konzentrier dich.

Aber der Stift lag so schwer in der Hand und die Hand so schwer auf dem Papier. Die Finger ständig voller Tinte, die Heftseiten fleckig und an manchen Stellen vom Radiergummi dünngewetzt. Konnte das Tempo nicht halten, ließ ganze Seiten aus, um nachzuschreiben. War doch draußen grad ein Wetter (egal, welches): ein Schneeflockengestöber oder ein Regen oder ein Sonnenschein, der – schau hin, Frau Lehrerin – eindeutig ins Blaue reicht. Hätte ich sagen können, wären die Worte schon bei mir gewesen in einer sagbaren Form.

Immer war ich (mir) zu wenig, verhuscht, zu langsam. Vergass Pausenbrote in der Schultasche, den Schulkakao, bis er ranzig war, schaffte es nicht, mich zu sammeln. Tausend Eindrücke zu sammeln. Wie sollte es gehen? Das ist das eine Bild, das blieb.

Möglicherweise, dieser Gedanke kommt mir jetzt beim Anblick dieses Stammbucheintrages, beim Betrachten der gefühlten Erinnerung an die kleine Karin, sieben, acht, neun Jahre alt, rundes Gesicht, kurze Haare: Möglicherweise beruht mein Versuch, zu genügen (der zu bekämpfen ist) auf einem Missverständnis. War ich allen außer mir genug auf anderer Ebene und lag die Wurzel der Sehnsucht nach Ordnung, nach Schönschrift und Norm woanders verborgen.

Ich muss sie nicht ausgraben. Hatten auch andere tintenfleckige Finger. Liegt mir der Stift immer noch schwer in der Hand und die Hand schwer auf dem Papier. Aber tippen die Finger im Tempo des Denkens über die Tasten, eilen ihm hinterher – und wenn ein Wetter ist, ist‘s gut.

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