Klagenfurt, Erinnerungsgeschiebe

17/06/2019

Ich geh den Lindwurm fotografieren. Ich tu, als wär ich fremder, als ich bin.

Schnell, Frau, schreib. Darüber, wie es ist, im Jahr danach in Klagenfurt einzufallen den Hunnen gleich, nein, welche Hunnen? Ganz brav per ÖBB angereist, ganz brav die knappen vier Stunden genutzt, Mails beantwortet, Lesung vorbereitet, am Aktionstag gefeilt, der mit Viktringer Schüler/innen über die städtische Bühne gehen wird. (Weil alle Städte Bühnen sind.)

Vorschriftsmäßig mit fallweisem Blick aus dem Zugfenster die Strecke abgefahren, ist noch keine zwei Jahre her, da war’s das erste Mal. Kurz drauf was gewonnen und – zack! – wird Klagenfurt die Westentasche. Kennt man sich aus in ihr wie in der eigenen.

Frau, schreib g’scheit: So schnell ging’s auch nicht, von wegen, zack.

Nix zack. Mai bis Oktober 2018 temporär Wohnung genommen im Europahaus, als Teil des Preises. Hat gut verdient, die ÖBB, an meinem Pendeln zwischen Wien und Kärnten und dem Eferdinger Schreibzimmer im Elternhaus. Zwischen Oberösterreich und Gemeindebau und Klagenfurter Dachschrägenatelier mit Holzstiegenabgang in den alt ummauerten Kleinmayrgarten. Wo ein Igel wohnt, ich weiß es. Wo sich junge Leut’ einschleichen und sind duldsam und geduldet hoffentlich.

Hab die Stadt am See verlassen knapp vor dem letzten Herbsteinbruch, mit übervollem Auto und übervollem Herzen. (Sag ich, weil dem Kitsch grad so zugeneigt. Das „Grad“ ist gelogen.)

Und nun, weil angefragt in offizieller Autorinnenschaft, wieder hier: Beim ersten Schritt hinaus auf den Bahnsteig schon gemerkt, dass mir das ein bisserl weh tut. Dass ich Raphaela Edelbauer, welche mich beerbt hat als Stadtschreiberin, welche jetzt statt meiner hier hausen darf für ein paar Monate nach Belieben, die das gut machen wird und der ich dafür alles wünsch, was sie sich wünscht und erhofft. Dass ich also Raphaela es neide, das Hierseinkönnen. Aus dem Zug aussteigen und das Handkofferl quer durch die Stadt ziehen wie eine Hiesige, eine Heimgekommene, dabei mit dem Haustorschlüssel klimpern.

Weil, ich steig aus, und strömt’s ein auf mich. Schritt aus dem Bahnhof in die Stadt, zehn Schritte mehr und ins Musil-Museum, ein übergroßes Vogelhaus steht davor. Ich sitz im Museum und trink Kaffee. Danach im Vogelhäusel und tu, als würd ich lesen können mit der falschen Brille auf der Nase.

Die Bahnhofstraße hinauf. Die Lidmanskygasse hinüber. Ins Hotelchen. Kurz schnaufen. Raus auf den Neuen Platz. Erinnerung, Erinnerung.

Ja, red nicht, erzähl’s: Woran erinnerst dich? An den roten Mars-Punkt am schwarzen Himmel, von der Holztreppe aus über dem Horizont jede Nacht, sofern klar, gesehen und gegrüßt. Ans Igelrascheln im Garten. An den Ateliernachbarn aus München. An -zig -zig -zig Menschen.

An einen seltsamen Mann mit scharfem Gesicht und ebensolchen Augen, der eine Winkler-Lesung im Park störte, mit dem ich auf einer Mauer zu sitzen kam, um ihn vom Stören abzuhalten, der mir etwas flüsterte, das nur mir gehört allein allein. An den einsamen Spaziergang am Abend eben jenes zehnten Junitages, an die taumelnde Fledermaus in der Wiener Gasse, hat sich unter einer Bank verkrochen, und ums Eck saß wieder dieser Mann und hat mich nicht bemerkt. Weil ich – ha! – achtsam. Aufgeschreckt aus dem Herumträumen durch das bodennahe Fledermaus-Getaumel. (Was steckt dahinter? Beelzebub, Satanas? Reale Psychose oder ein nicht minder realer Ghul?)

Ach, reime sich doch jeder zusammen, was er möchte, und jede ebenso. Mir gehören die Wege zum See, die vielen Fremd- und Freund- und Selbstgespräche, mir fehlt die Ruhe. Klagenfurt ist hübsch frisiert, ist eigenartig und -willig und nach wie vor meins in Spuren (elementar).

Ich geh den Lindwurm fotografieren. Ich tu, als wär ich fremder, als ich bin.

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