Nackt unter Nackten

22/02/2006

 Störungsfrei in Schwefelbad

Unterwegs auf Österreichs spannendster Telefonverbindung – auch Westbahnstrecke genannt. Gerüchte wissen, die ÖBB überlegt eine neue Art Telefonjoker: Raten Sie, wie viele Sekunden Ihr Gespräch überleben wird, bevor es sich frustriert aus dem Zugfenster stürzt. Sollten Sie gewinnen, schreiben Sie Namen und Adresse auf ein Taschentuch, schnäuzen sich einmal kräftig hinein und schmeißen Sie das Ergebnis in die eigens von der ÖBB zur Verfügung gestellten Mistbehälter. Gratis.

Entspricht „schnäuzen“ mit „ä“ der neuen Rechtschreibe? Mir gefällt es, weil sich „schnäuzen“ von „Schnauze“ ableitet und es extrem wohltuend ist, wie viele Leute in diesem Zugabteil dieselbe halten – offenbar haben sie sich nix zu sagen ohne mobile Schnittstelle. Fast ist mir, als ob die anonyme Reisekollegenschaft ein stillschweigendes „Pssst!“ vereinbart hätte – extra für mich. (Danke, bin sehr gerührt!) Denn Frau K. entfernt sich gerade von Wien, lässt Beruf, Alltag und das 16-jährige Selbstfindungsprogramm namens Johnny hinter sich, in froher Erwartung eines wohligwarmen Tages in der Therme Bad Schallerbach. Saunieren mit Frau A. steht am Programm, und zwar gründlich. Und kinderlos. (Frau A. nennt drei Monster ihr Eigen. Zu unserem Spezialprogramm zählt „Kinderallergie“ mit Husten- und Würganfällen, vorgetragen am liebsten zu vorgerückter Stunde, meist dann, wenn zufällig ein Nachwuchs das Zimmer quert.)

In Wien bin ich übrigens derart schüchtern, dass Sie mich NIEMALS nackt in einer gemischten Sauna treffen werden. (Angezogen natürlich auch nicht.) Oberösterreich hingegen ist Heimat … Nein. Daran liegt es nicht. Mit Bad Schallerbach verbinden mich nette Erinnerungen. Johnny auch. Er war noch ein ziemlich kleiner Johnny, als seine Mama nach einem Saunagang beschloss, ohnmächtig auf die kalten Fliesen zu sinken. Später meinte er, er hätte erst gar nicht bemerkt, dass ich die Nackte war, die sich da auf dem Boden ausbreitete. Was an den fünf bis sieben älteren Herren gelegen sein mag, die mich besorgt umringten. Und das, dem Wesen der Sauna entsprechend, ebenfalls im Zustand paradiesischer Nacktheit.

Obwohl Adam im Paradies gar nicht die Chance hatte, ein älterer Herr zu werden, bevor er hinaus komplimentiert wurde – was wieder eine interessante theologische Frage aufwirft: Wären Adam und Eva im Paradies gealtert – mit allen Folgen … zum Beispiel jenen, die ich aus der liegenden Perspektive einer aus hilfloser Ohnmacht Erwachenden direkt im Blickfeld hängen hatte?

Ungelogen: Ich wechselte sofort wieder in den Zustand der Bewusstlosigkeit und kann bis heute nicht sagen, ob wirklich nur der schnelle Fluchtversuch Schuld daran trug.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt erkannte mich mein Sohn wieder. Ich ihn allerdings erst, als ich mich auf einer Liege im Außenbereich wieder fand und von Johnny mit Müsliriegeln gefüttert wurde. Der Arme. Sollte er jemals einen Seelenklemptner beschäftigen, kann er mir jedenfalls nicht vorwerfen, nichts Erzählbares erlebt zu haben.

Die Adam-Frage hätte ich damals übrigens gleich direkt in der Sauna mit dem Pfarrer unseres Heimatstädtchens klären können – eine Chance, die ich mir angesichts der unbedeckten Hinteransicht unserer Lokal-Eminenz entgehen ließ.

Wie auch immer: Zwischen mir und dem Tag in der schwefeligen Thermenhitze liegt nur mehr eine holprige Zugfahrt mit der LILO (Linzer Lokalbahn) und eine erfrischende Nacht im Energiesparhaus meiner Eltern (wobei sich das „Energiespar“ eher auf meine Eltern bezieht als auf das Haus). Morgen Abend geht’s zurück nach Wien: Störungsfrei (durch den ÖBB-Telefonservice), porentief rein und garantiert ohne eine weitere unkontrollierte Begegnung mit den nackten Folgen der Schwerkraft gehabt zu haben. (Frau A. ist Krankenschwester. Sie passt auf mich auf.)

%d Bloggern gefällt das: