Was red‘ ich

28/02/2006

Einen Cent für jeden Hunderterbund Worte

Einen Cent für jedes Wort. Was red‘ ich. Einen Cent für jeden Hunderterbund Worte, den ich in den vergangenen sechzehneinhalb Jahren an Johnny gerichtet habe. Wir wären reich, mein Spross und ich.

Heute red‘ ich nix. Weil ich erstens eh nichts verdiene damit und zweitens Halsweh habe, ansatzweise, was völlig reicht, um mich verstummen zu lassen. Und drittens: Weil es völlig egal ist, ob ich was sage und falls ich was sage, was ich sage. Was nicht heißen soll, dass ich nichts zu sagen habe. Im Gegenteil: Zu viel! Wenn angeblich ein Mann ein schlichtes Wort ist und eine Frau ein komplexes Wörterbuch (oder umgekehrt) – dann ist eine Mutter (ich) der Brockhaus. Und zwar der vollständige. Und das nur, wenn es um Johnny geht. Sonst weiß ich durchaus Maß zu halten.

Die Leute wundern sich immer, dass ich so ruhig und gelassen bin. Man kriegt nichts mit von mir – ein Kollege meinte kürzlich, er habe mich in den ersten Wochen für „stumm“ gehalten, oder so. In Wahrheit verbrauche ich das mir zugeteilte Wortkontingent fast ausschließlich für pädagogische Zwecke. Für alles andere bleibt nichts übrig. Jede/r Alleinerzieher/in wird mir das bestätigen: Erziehung ist wortreich. Besonders wenn es keinen Partner gibt, der den Wortfluss eindämmen hilft. Ich weiß, es gibt auch andere Ansätze. Eine Zeitlang profitierte ich durchaus erfolgreich von meiner physischen Überlegenheit und konnte die verbale Überzeugungsarbeit – zum Beispiel in Sachen Abwaschen – durch aktives „In-die-Küche-tragen“ unterstreichen.

Dafür ist der Knabe schon zu groß. Er würde mich einfach wieder aus der Küche hinaus tragen. Ich habe auch den leisen Verdacht, dass er mir nicht nur körperlich überlegen ist. Es lässt sich leicht beobachten: Sobald ich mit dem Satz „Komm und setz‘ dich, sofort!“ ein Referat einleite (Inhalt egal), kommt er her, setzt sich und schaut fern. Innerlich. Doch, doch, wir führen schon interessante Gespräche. Wenn er will. Und nur dann.

Ein Klassiker aus der Frühphase: „Probier das, nur einen Bissen!“ Keine Chance. Johnnys Gemüse-Gegenargument: „Wenn du kein Fleisch ist, esse ich kein Gemüse.“ Damals war er zirka fünf. Die Logik meines Sohnes hat mich immer schon verblüfft. Später hat mich Johnny ganz einfach mit meinen eigenen Waffen geschlagen: Sobald ich irgendetwas von ihm wollte (lernen, Mist raus tragen, Großeltern anrufen), verwickelte er mich in eine Diskussion – bis er hinter einem gemeinsam produzierten himalayanischen Wortgebirge verschwunden war und sich aus jenem Staub machen konnte, in dem er seine leer geredete Mutter schnöde zurückließ.

Pah, Schurke! Seit ich ihm auf die Schliche gekommen bin, wird nicht mehr diskutiert. Also, fast nicht mehr. Er hat mich gut erzogen. Es reicht, ihm das Mistsackerl zu einem günstigen Zeitpunkt in die Hand zu drücken (wenn er gerade die Wohnung verlässt). Dann nimmt er es mit. Es reicht, ihm einfach Essen auf den Tisch zu stellen. Er isst es. (Meistens.) Es reicht, nicht in sein Zimmer zu gehen und die Restwohnung halbwegs sauber zu halten. Irgendwann fällt ihm der Unterschied auf. (Hoffentlich.)

Es reicht sogar völlig, ihm von Zeit zu Zeit die Leviten zu lesen. Kurz und bündig. Vielleicht muss man, um die richtigen Worte zu finden, erst ein paar Millionen davon verlieren … Und wenn sie einem dann völlig ausgegangen sind, die klugen Sätze, dann fällt einem vielleicht auf: He, der Junge kommt wunderbar zurecht – alles, was ihn nervt, ist das ständige Gequatsche.

Also, was red‘ ich? Passt ja eh alles. Und Johnny schleppt jetzt schon eine ganze Enzyklopädie handfesten Mutterwitz mit sich rum. Das sollte vorerst reichen.

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