Der Werwolf in der Mauser

15/05/2006

Man kann Haare verlieren. Und die Nerven behalten.

Ich komme von diesem blöden Sonnenuntergang nicht weg. Er legt sich über alle Versuche, eine ordentliche Einleitung zu finden. Dabei geht es gar nicht um Sonnenuntergänge. Mittlerweile wate ich durch verworfene Einleitungssätze, wie: „Kennen Sie ‚American History X‘?“ Oder: „Was haben Sie gestern verloren?“ Ich meinen Sinn für Einleitungssätze.

Der ist im samstäglichen Sonnenuntergang verglüht. Wobei es nicht einmal das Farbenspiel am Horizont war, das mich so berührte. Was mir immer wieder in die Seele greift, ist die am Verschwinden der (riesigen) Sonnenscheibe sichtbar gemachte Erdrotation, die Verdeutlichung der Tatsache, dass sich diese große, feuchte Kugel beständig durch das Weltall schraubt. Und zwar ziemlich flott.

Dazu kommt dann noch die Vorstellung, nur ein wenig Luft ins All pumpen zu müssen, um die Stille mit einem Dröhnen zu füllen, das an einen Maschinenraum erinnert und an „Brazil“. Manchmal würde es ein wenig knarren und ächzen, und leiser hörte man, wie sich die Nachbarplaneten durch den Raum schieben, viel seltener käme aus weiter Ferne ein unklarer Laut. Wir würden uns lauschend am Arm berühren und erklären: Das helle Geklirre wären vermutlich die Ringe des Saturn, man wisse es nicht so genau. Ganz klein wären wir vor Ehrfurcht. Das empfand ich am Samstag so stark, dass dahinter alles andere verblasste.

Denn bevor mich das sonnenuntergängliche Dröhnen ans Fenster fesselte, hatten wir gerade über die jüngste Johnny-Anekdote gelacht. Mein Sohn ist berühmt für Blitzaktionen, bei denen sein Verstand keuchend grad noch um die Ecke biegt, während sich der Rest des Knaben schon mitten in der Umsetzung befindet. Unwiderruflich. Was am Freitag (für mich) mit einem Telefonat begann: „Hallo Mama, wo bist Du?“ Und wann ich denn nach Hause käme. Er hätte sich nämlich die Haare geschnitten, mit dem Haarschneider, und dabei sei ein bisserl was schief gegangen. Jedenfalls müsse ich ihm helfen, den Hinterkopf auch zu scheren. Scheren? Johnny hat dichtes, schönes, dunkelbraunes Haar.

Hatte: Ich kam nach Hause, und mein Sohn war verschwunden. Stattdessen stand ein (bartloser) Derek Vinyard vor mir, also der von Edward Norton in „American History X“ (übrigens großartig) gespielte, geläuterte Rassist. Keine Spur von meinem charmanten, hübschen Sohn. Das war ein Fremder im weißen Unterhemd, dem das Fehlen von Haaren eine Härte verlieh, die mich sofort losbrüllen ließ.

Im Badezimmer, das aussah, als wäre ein Werwolf spontan in die Mauser gefallen, beseitigten wir die letzten Haarbüschel. Mit dem ersten Schock war mir auch das Schimpfen vergangen. Johnny, der mit Rassismus sowenig am Hut hat wie der Sonnenuntergang mit dem Rest der Geschichte, hatte sich selbst überrumpelt. Die Konsequenzen daraus – ein Anschiss vom Chef, ein paar schräge Blicke von den Leuten – ertrug er mit Fassung.

Jetzt können wir schon wieder darüber lachen. Derek Vinyard verschwindet in dem Ausmaß, in dem ich mich an meinen neuen Sohn gewöhne. Johnny hat nicht mehr verloren als ein paar Haare, und die kommen wieder (ein Kopfhaar braucht drei Tage für einen Millimeter). Und im Grunde: Er ist 16, es ist sein Kopf, was reg‘ ich mich auf.

Mir schwant übrigens, dass mir auch der Sinn für Schlusssätze abhanden gekommen ist. Ich wollte tatsächlich schreiben: „Johnny ist sein eigener Planet.“ (Aber vielleicht ist das gar nicht so abwegig. Und das Muttertier in mir ist sein Trabant.)

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