Welche WM?

15/07/2006

Irgendwer muss Weltmeister werden

Samstag. Also am Wochenende, an dem Deutschland noch im Spiel war. Mit fettglänzenden Fingern – es gab Gegrilltes – saßen die Jungs vor dem Bildschirm. Und während wir Mädels abwechselnd das kleinere Baby durch die Gegend schleppten und das größere mit Bilderbüchern zum Reinbeißen versorgten, tönte es Uiii! und Ohhh! und Oje! von der Couch. England kickte sich im Elferschießen aus der WM. Pech.

Das kleinere Baby spielte Beckham und kotzte. Nur ein bisschen. Kein Malheur. Hingegen war das Ausscheiden der Engländer ein großer Verlust, anscheinend, aber Portugal ist doch auch ganz nett. Was weiß ein Fremder.

Nichts, weswegen ich in die Runde fragte, wer denn Weltmeister werden soll. Die Mannschaft, in der die wenigsten Männer Haarreifen tragen, so meine Schwester. Sie findet Haarreifen bei Männern peinlich. Herr Filius hingegen hält prinzipiell zu den Underdogs. Die sind allerdings schon draußen. Eugen hoffte noch auf einen Sieg der Deutschen. (Wie wir heute wissen, vergeblich). Denn, so Eugen, der Sieg steigere das Selbstbewusstsein unserer Nachbarn, sie würden derart gestärkt mehr einkaufen, was sich positiv auf die Wirtschaft auswirke, wovon auch Österreich profitieren würde. Oder so ähnlich.

Auch ich wäre für den deutschen Sieg gewesen. Dahinter steckte die Hoffnung, die Bild-Zeitung möge dadurch das nicht mehr zu steigernde Übermaß an „schwarz-rot-geiler“ Euphorie erreichen und sich samt der prallen Britta aus Travemünde, die stets zum Elferschießen bereit ist und gleich zwei Bälle mit ins Spiel bringt, ins Zeitungs-Walhalla katapultieren.

Nicht die Deutschen! Die Couchbesatzung futterte Tiramisu und klärte mich nebenbei auf: Zu arrogant. Die Bild sah es anders und titelte knapp danach: Brasilien-Versager: Zu fett! Zu faul! Zu arrogant! Heute titelt sie, schwach wir ein luftleerer Ballon: Wir sind RAUS! IHR seid trotzdem schwarz-rot-geil.

Aber damals, am Samstag, war die deutsche Fußballwelt noch in Ordnung. Babsi spielte mit den Kindern Twister und legte dabei eine ganz erstaunliche Beweglichkeit an den Tag. (Im Gegensatz zu den Brasilianern, die einfach stehen bleiben, wenn der Gegner ein Tor schießen möchte.) Die Babys wechselten die Fronten und saßen bei den Männern auf der Couch.

Wir Frauen bedienten das Klischee und betrachteten abwechselnd die Babys, die Männer und den Schnurrbart von Herbert Prohaska. Dabei redeten wir über die durchschnittliche Dauer von Schwangerschafts-Übelkeit. Eine von uns ist guter Hoffnung.

Der Grillmeister versorgte uns großzügig mit übrig gebliebenem Grillgut, ebenso großzügig verpackt in Alufolie. Nach uns roch die U-Bahn trotzdem wie ein Grillhähnchen. Wir hetzten nach Hause, um Frankreich gegen Brasilien zu sehen, zumindest die zweite Halbzeit. Diesmal war mir übel – man soll echten Sekt nicht mit Kindersekt mischen. Vielleicht war auch das Tempo zu schnell. Ich hatte keine Ahnung von der Fußball-Leidenschaft meines Freundes. Sie flammt, sagt er, nur zu WM-Zeiten auf. Es ist unsere erste WM.

Zinedine Zidane spielt wie ein Weltmeister, informierte die heimische Couch. Mein Sohn stromerte vorbei. Wer soll die WM gewinnen? Zidane, meinte er. Also Frankreich? Ja, Frankreich. Warum? Weil Zidane danach aufhört, und das wäre doch ein netter Abschluss.

Stimmt. Hollywood hat ganze Film-Legionen aus diesem Stoff gestrickt.

Am nächsten Tag schrieb ich Mails: Freunde, wer soll die WM gewinnen? Es folgten lange Pamphlete und kurze Abhandlungen, bei deren Lektüre mir klar wurde, was eh klar war: Mir persönlich ist es völlig egal. Soll gewinnen, wer mag.

Knapper beantwortet die Frage nur der göttliche Herr Diva: Welche WM?

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