Wir sind vorbei

30/07/2006

Irgendwer muss noch die Flaschen wegräumen

Wir stromerten durch die Stadt, am Sonntagabend, eine Stunde vor Beginn des WM-Finales. Während sich Wien auf das letzte Spiel einstimmte, war das Thema Fußball schon aus einigen Auslagen verschwunden. Die besten Beisl-Plätze (Schanigarten, freie Sicht auf Bildschirm) waren schon besetzt. Oder man wanderte zum „Public Viewing“.

Während die Welt zu Gast bei Freunden war, war Herbert Prohaska zu Gast bei uns. Mein Freund (kein gebürtiger Österreicher) hat einen Narren an ihm gefressen. Er nennt ihn ebenso liebevoll „Frau Haska“ wie mich manchmal „Karinowitsch“ und versäumte bislang fast keine seiner Analysen. Es liegt wohl an Prohaskas unaufgeregter Sprache, in Kombination mit dem zerknautschten Blick – so, als würde ihn die Kamera ein bisserl blenden. Er wird uns fehlen.

Die ganze WM wird uns fehlen, meint mein Freund, der sich auf der Couch in Position geworfen hat. Wir sind gerade noch rechtzeitig nach Hause gekommen, um zu sehen, wie Zidane einen Elfer versenkt. Oder nicht. Oder doch. Doch: Hinter der Linie, also 1:0 für Frankreich.

Mir wird die WM nicht fehlen. Oja, sagte er. Schade, dass sie vorbei ist. Aber nein. Jede Party hat ein Ende, und mehr als eine Party war es nicht. Am Samstag, beim „Match der Herzen“, bei dem dann die Deutschen „Weltmeister der Herzen“ wurden, gaben die Fans auf der Berliner WM-Meile noch einmal so richtig Gas.

Ein ORF-Moderator hatte das Bummerl gezogen: Er musste sich für den Live-Einstieg unters feiernde Volk mischen. Von links grölte man eine Auswahl feinster WM-Gesänge direkt ins Moderatorenohr, von rechts hielt ein leicht bis mittelschwer Illuminierter aus einer Distanz von zwei Zentimetern dagegen, rhythmisch und ununterbrochen einen Vereinsnamen brüllend (ich glaube, es war „Borussia! Borussia!“). Und hinter ihm schwenkte ein pralles Mädel einen schwarz-rot-goldenen Schal mit der schwarz-rot-geilen Spaßparole „Fußball! Ficken! Alkohol!“. Ich finde, damit ist alles gesagt.

Eigentlich sollte ich ja Resümee ziehen über die WM, aber ehrlich: Ich verstehe nach wie vor wenig von Fußball, und man wird sich in den nächsten Tagen vor Resümees ohnehin nicht retten können. Vor gescheiten wie vor blöden. Ich erspare Ihnen meines.

Wenn Sie diesen Text lesen, ist bereits alles vorbei. WM und Party. Irgendwer wird die Flaschen wegräumen, die nach abgestandenem Bier stinken. Das ist noch bei jedem guten Fest so gewesen. Der Kühlschrank ist vollgestopft mit Pizza-, Brötchen- und Kuchenresten. Das reicht locker für drei Tage Resteessen (oder ein bis zwei Wochen Nachberichterstattung).

Bis alle Spuren beseitig sind, vergehen Wochen. Aber schließlich hat man das letzte Chipsbröserl gefunden, den letzten Spielzug analysiert und dann werden es auch die Deutschen leid, nach jeder Autowäsche die Deutschlandfahne wieder neu am Auto zu drapieren. Der WM-Song, ein ganz böser, weil stinklangweiliger Ohrwurm, wird hoffentlich nur mehr dort gespielt, wo ich nicht hinhöre und der hosenlose Löwe verliert sich in diversen Kinderzimmern.

Was ich gelernt habe, ist, dass a) Fußball wirklich spannend sein kann (zumindest, wenn er von echten Profis vorgetragen wird) und dass b) die Qualität einer Mannschaft noch lange kein Grund ist, um zu ihr zu halten. Oder gegen sie.

Die echten Gründe sind: Ich war schon mal in der Toskana. Die Franzosen reden nur französisch. Mein Bäcker kommt aus Costa Rica. Ich mag keine Kiwis. Beckham ist doof. Eine Polin ist böse zu ihrem Ex-Freund. (Und der ist wiederum ein Freund von uns. Ich entschuldige mich hiermit offiziell bei der polnischen Mannschaft.) Und dass c) Herbert „Frau Haska“ Prohaska ohne Schnauzer viel besser ausschaut. Er hat ihn verloren, weil Italien Weltmeister ist.

Spät ist es geworden. Die Italiener hupen sich durch die Wiener Nacht. Mein Freund ist auf der Couch eingeschlafen. In Deutschland packen die Gäste der Freunde ihre Koffer für die Heimreise. Sofern sie nicht mehr am Saufen sind.

Das Tagesgeschäft geht weiter. Frei nach der Bild-Zeitung: Wir sind vorbei.

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