Sag mir, ist es wichtig?

31/07/2006

So richtig wichtig ist es nicht

Was machen Sie, wenn Ihrem Schlüssel ein vor das Schlüsselloch geklebter Zettel den Weg versperrt? Genauer: Sie wollen nicht rein, sondern raus, ins Freie. Sommer. Freunde treffen. Asphalthitze. Mädels! (Oder Jungs, je nachdem.)

Sie würden sich zumindest wundern. Eventuell sogar den Zettel, auf dem offensichtlich etwas steht, nehmen und lesen. Worauf Sie in die Küche gehen. Den Topf mit der Fleischsauce für die Spaghetti sehen. Den Kühlschrank öffnen. Den Topf hineinstellen. Tür zu, ab durch die Mitte. Die Aktion hätten Sie innerhalb einer Minute erledigt. Oder? Eben.

Das Blöde ist, dass Kinder essen müssen. Auch die Halbwüchsigen. Also stellt man sich (zumindest ab und an) in die Küche, um halb sieben Uhr in der Früh, packt das Faschierte aus und kombiniert es mit Hitze und Fertiggewürz. Während die Nudeln kochen, duscht man sich den Geruch vom Leib und hupft ins G’wand. Weil man muss in die Arbeit. Derzeit ist die Wohnung aber ziemlich temperiert, sommertechnisch. Der Topf sollte also eher früher als später ins Kühle.

Überleg, überleg. Den 17-Jährigen kurz aufwecken und instruieren? Die Erfahrung lehrte: Ganz schlechte Idee. Ich weiß nicht, welche Hormone gerade um die Vorherrschaft in seinem Universum rittern, aber dass sie ihn schwerhörig machen, weiß ich genau. In Kombination mit Tiefschlaf grenzt das an Taubheit. Wir lassen den Knaben schlafen und beschließen als einzig unfehlbare Strategie Barrieren zu bauen: Zettel vor Schlüsselloch. Knapp formulierte Bitte drauf malen. Soviel Logik kann nicht fehlschlagen.

Kann sie doch.

Auf die Frage (mittlerweile hat es die Fleischsauce seit gut sieben Stunden schön warm), ob er den Zettel denn nicht gesehen hat – was eigentlich unmöglich sein kann: O ja, da war was. Und was? Ein Zettel. Und was stand da drauf? Irgendwas von einem Sugo. Du hast Sugo gemacht, stimmt’s?

Das Leben mit einem fast ganz Erwachsenen ist spannend. Auch wenn der eh nie da ist, sondern in einer Parallelwelt unterwegs. Ist ja auch ganz angenehm. Man hat die Wohnung für sich, kann bei der Hitze alle Türen und Fenster offen- sowie die Kleidung bis zur Schamgrenze weglassen und sich ungeniert der Körperpflege widmen. Um sich beispielsweise leicht bekleidet nach der Schütt-Methode die Zehennägel zu lackieren (großflächig Nagellack verteilen, Überschuss mit Wattestäbchen und Nagellackentferner eliminieren).

Meine Zehen streben zum Teil übereinander und müssen während der Trocknungsphase abgelenkt werden. Dabei ist man wie die Giraffe beim Trinken kurz fluchtunfähig. Logisch, dass just in dieser heiklen Phase der Knabe heimkommt, mit einem ganzen Geschwader von Freunden, eh nur kurz, weil er was braucht, und – ebenfalls logisch – steht er mit der ganzen Partie im Wohnzimmer.

Die momentane Peinlichkeit, die sich zu uns gesellt, bemerkt der Knabe genauso wenig wie den Zettel vor dem Schlüsselloch. In Wahrheit ist er mit seinen Konsorten schon wieder so gut wie draußen: Sommer, Sonne, Asphalthitze, Mädels!

Zurück bleiben ich und ein paar panisch zusammengeklebte Zehen.

Ich wasch mir das Zeug ab. Und fühl mich nicht nur ein bisserl überrumpelt, sondern auch ein wenig, als wäre ich alles, was meinen Spross vom Erwachsenwerden trennt – wie so ein Zettel vor dem Schlüsselloch, so eine kleine Barriere auf dem Weg ins Freie, mit irgendeiner Botschaft. Nicht ganz so wichtig halt.

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