Wie sag ich’s meinem Kinde?

15/08/2006

Am besten gar nicht

Es regnet, und der Kurde meint, ich solle nicht laufen gehen. Aber, sage ich, früher, da bin ich bei jedem Wetter gelaufen. Je wilder, je lieber. Schneetreiben in Kombination mit leichtem Nebel bei Dunkelheit. Sich in den Gegenwind werfen, nix mehr sehen, weil der Regen schräg von vorne auf die Brille klatscht. Kurz, bevor die Muskeln das Handtuch werfen, noch einen Zwischensprint hinlegen und fertig – so fertig! – aber glücklich …

Schon gut, meint der Kurde. Das war früher. Da warst du jung. Jetzt bist du alt. Du wirst dich nur verkühlen.

Ich will aber raus. Ich muss. Johnny kommt gleich heim. Der Kurde seufzt und beugt sich wieder über das Notebook. Verstehe. Diese Haltung kenne ich. Das ist die architektonische „Ich schau‘ mir nur schnell den Plan an“-Starre. Dauert zwischen zwei und sieben Stunden. Also keine Hilfe von seiner Seite.

Verzagt greife ich an mein Handgelenk. Dort trage ich ein schlichtes Lederarmband, das mich daran erinnert, die Klappe zu halten: Johnny und ich befinden uns mitten in einem Experiment. Er weiß allerdings nichts davon. Wenn es klappt, schreibe ich einen Erziehungsratgeber und werde reich.

Der Plan ist, Johnny mittels paradoxer Intervention zu manipulieren. Die Versuchsreihe begann am ersten und endet am einunddreißigsten August. Eines der Ziele: Johnny entrümpelt sein Zimmer, ohne von mir auch nur ein einziges Mal dazu aufgefordert zu werden. (Der Weg in sein Reich ist eine Einbahnstraße. Was einmal die Türschwelle passiert hat, hat Ausreiseverbot wie weiland die Bürger der DDR.)

Wahrscheinlich ist der Junge immun geworden gegen meine verbalen Interventionen. Egal was ich sage, er hat es schon so oft gehört, dass das Gesagte im Strom der üblichen Alltagsgeräusche verblasst. Seine Hörnerven müssen wieder für meine Stimmfrequenz sensibilisiert werden – und das geht am besten mit totaler Abstinenz. Abgesehen von ein paar netten Worten, ab und an.

Also kein Nörgeln, Herumzupfen, Einfordern und Jammern. Nebenbei: Johnny ist im Juli siebzehn geworden. Jetzt brauche ich Ihnen aber nicht erzählen, was man zu Menschen in seiner Entwicklungsstufe erziehungsmäßig alles sagen kann, oder? Erinnern Sie sich einfach.

Ich fühle mich wie in Dantes Inferno geschleudert: Soviel sehen und nichts sagen dürfen. Die Worte wollen ja trotzdem raus. Kennen Sie den Kaprun-Staudamm? Genau. Siebzehn Jahre lang liebe Gewohnheit: Musst du, willst du, machst du, brauchst du – das vergeht einem nicht von heute auf morgen. Das ist wie ein kalter Entzug.

Ui. Jetzt kommt er. Ich hör ihn schon. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe meinen Sohn. Er ist großartig. Aber: Ich. Muss. Da. Raus. Und zwar bevor ich platze.

Ich schau aus dem Fenster. Es regnet in Strömen. Ich werde mir den Tod holen. Der Kurde sitzt immer noch unbewegt. Johnnys Schlüssel dreht sich im Türschloss. Meine Nackenhaare sträuben sich ein bisschen. Von wegen alt. Schmecks! Ich schlüpfe in die Laufschuhe. Mein Leben für die Wissenschaft.

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