Woran man denkt

15/09/2006

… wenn die Nacht lang genug ist

Ich stehe in der dunklen Wohnung am Fenster. Vier Stockwerke unter mir presst sich ein Mann an einen Wagen, es ist schon nach Mitternacht. Zuerst glaube ich, der Mann will das Auto stehlen, aber dann: Er pisst es seelenruhig an. Es sieht nur so aus, als würde er sich an das Auto pressen. Ein anderer Mann geht vorbei, der erste ist fertig, verstaut alles, wo es hingehört, schließt den Gürtel, packt eine Einkaufstasche, biegt um die Ecke und verschwindet.

Was er tut, erinnert mich an etwas, das wir getan hatten, vor mehr als 25 Jahren. Und dann waren wir uns fremd. Eigenartig.

Als ich ein junges Mädchen war, zwölf oder dreizehn Jahre alt, wanderte ich mit meiner damals besten Freundin und einer großen Gruppe von Erwachsenen und Kindern auf einen Berg, ich glaube, es war der Hochlecken. Beim Aufstieg trödelten wir hinterher, beim Abstieg wollten wir die ersten sein und marschierten flott allen voran. Der Abstand zwischen uns und den anderen wurde immer größer, bald waren wir außer Sichtweite, bald außer Rufweite: Wir warteten ein wenig, aber niemand kam, also hatten wir uns wohl verlaufen.

Ich erinnere mich noch genau, wie alles, was vorher schön war, unheimlich wurde. Wir lauschten in eine von kurzen, hallenden Vogelschreien durchbrochene Stille, in eine völlige Abwesenheit vertrauter Geräusche. Es roch grün und feucht und moosig und vor allem gab es keinen erkennbaren Weg, nur Wald. Niemals hätten wir uns unsere Angst eingestanden. Wir beschlossen, einfach weiterzugehen, immer bergab.

Nachdem wir eine Zeitlang gegangen waren, mussten wir pinkeln. Wir schämten uns voreinander und versteckten uns in dieser Abgeschiedenheit hinter Bäumen, was die Scham noch mehr verstärkte. Plötzlich war mir meine Freundin fremd und ich ihr und diese Fremdheit hat uns danach nie mehr ganz verlassen. Es war ein Eingeständnis. Ein Geheimnis. Ich weiß nicht. Es war eigenartig. Ich sah ihre Nacktheit durch die Bäume schimmern und spürte, wir verbargen etwas voreinander.

Dann gingen wir weiter. Nach einer Ewigkeit stießen wir auf einen Weg, folgten diesem und hörten endlich vor uns die Geräusche unserer Gruppe. Gespräche, Gelächter. Niemand hatte uns vermisst, wir sprachen auch nicht darüber.

Wir blieben befreundet, bis wir ein oder zwei Jahre später verschiedene Schulen besuchten, sie eine Lehre machte, ich mich durch die HAK quälte, sie sehr gläubig wurde, ich aus der Kirche austrat, sie eine Familie gründete, weil sie es wollte, ich ein Kind bekam, weil es so passierte, sie in ein mitten im Hügelland, mitten im Wald gelegenes Haus mit überdachtem Pool zog, ich mein Motorrad verkaufen musste, weil wir kein Geld hatten, dafür ein Würmchen, einen kleinen Tiger, einen Prinzen, der mir nie fremd war oder ist, und wenn ja, dann reicht es still zu sein, bis ich ihn wieder verstehe. Aber sie, meine Freundin, blieb mir fremd, egal, wie still ich war.

Sogar auf Bildern, die uns vor dieser Bergtour zusammen zeigen, glaubte ich später dieses Fremde bereits zu erkennen, denn wenn es nicht damals schon da gewesen wäre, wären wir Freundinnen geblieben, oder? Wahrscheinlich nicht.

Woran man denkt, wenn man in der Nacht am Fenster steht und einem Mann unabsichtlich beim Pinkeln zusieht.

Der Mond hängt am Himmel. Ich bin müde und schließe das Fenster vor den Erinnerungen, die an der Mauer hoch kriechen und gedacht werden wollen, aber, nein danke, für heute ist’s genug.

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