Hartes Liegen für Fortgeschrittene

15/02/2007

Gäbe es diesen VHS-Kurs, ich hätte ihn besucht

Sind Ihre Kinder, sofern vorhanden, noch in dem Alter, in dem sie im Schlaf rotieren wie die Kreisel, und das, wohlgemerkt, erstens im Tiefschlaf und zweitens nicht im eigenen Bett? Sondern in Ihrem. Dabei ist es ganz egal, wie breit es ist, das Bett: Bei der 90-Zentimeter-Schmalspurversion schrammt sich irgendwann nach Mitternacht ein spitzer Kinderellbogen in die elterliche Seite, in der Luxusausführung liegt halt das ganze Kind quer.

Meins nicht mehr, weil meins (ätsch) ist fast erwachsen und beschränkt den Kontakt zum Mutterschiff auf das versorgungstechnische Minimum. Ich muss mir mein Nachtlager nur mehr ab und an mit diversen Liebhabern teilen, wobei es sich eh bloß um einen handelt, den Kurden. Dem ist im Winter allerdings immer sehr kalt. Daher sieht er mich mehr als Thermophor denn als Lustobjekt, und glauben Sie mir: Wenn sich so ein frierender Kurde an einen kuschelt, muss das nicht unbedingt ein erotisches Highlight nach sich ziehen.

Der Kurde friert außerdem nicht nur ständig, er hat es auch mit dem Kreuz und zieht daher einer schönen weichen Matratze ein Eichenholzbrett mit Matratzenschoner vor. Und da meine alte, ausziehbare Couch einem solchen Brett durchaus entspricht, übersiedelte mein riesiges, wunderbares Bett vor Jahr und Tag ins Zimmer meines Sohnes und der Kurde und ich zogen auf die Couch.

Hartes Liegen für Fortgeschrittene. Gäbe es diesen VHS-Kurs, ich hätte ihn besucht. Mein Problem ist nämlich nicht das Einschlafen, sondern das gleichzeitige Aufwachen aller Gliedmaßen. Mal ist das Bein nicht bei der Gruppe, dann der Arm. Unangenehm. Außerdem hat die Couch einen Spalt in der Mitte und in dem Spalt meistens auch mich, weil sich der Kurde auf der Suche nach Wärmequellen nicht an territoriale Abkommen hält, geschweige denn an Etikette.

Dabei bin ich, was Betten anbelangt, nicht sehr verwöhnt. Obwohl: Das Highlight waren die dreiteiligen Federkernmatratzen meiner Großeltern. Als mein Opa gestorben war und meine Schwester in einem Internat verschwand, übersiedelte ich kurzerhand zur Oma (vom zweiten in den ersten Stock) ins uralte Ehebett. Eigentlich in die Matratzenkuhle im Ehebett. Das war eine Grube, ein Graben, ein Nest, der ideale Zufluchtsort für ein von Werwölfen verfolgtes Wesen wie mich, daneben das regelmäßige Schnarchen der Oma. Ich glaube fast, das war der Höhepunkt nächtlicher Geborgenheit in meinem Leben.

Obwohl, einen kleinen Schreihals auf dem Bauch liegen zu haben und mit ihm gemeinsam (vor Erschöpfung) einzuschlafen, das hat auch was. Ist allerdings schon gut 17 Jahre her, genauso wie die Oma schon lange tot ist, und dazwischen liegen noch andere Tode, vornehmlich von Beziehungen, eine davon verschied übrigens direkt nach der Fertigstellung eines Bettes Marke Eigenbau. Aber, wie immer, die Sehnsucht bleibt. Nicht nach einem selbst geschnitzten Bett, sondern nach einem Rückzugsgebiet à la Matratzenkuhle, besonders, wenn man aus dem Fenster schaut. Oder Nachrichten schaut, oder Fernsehen, oder in leere Gesichter in der U-Bahn. Das reicht völlig.

Dann schaut man auf das versiffte Schlafcouchbrett, das zwar eine Ritze hat, aber keine Kuhle. Und will ein Bett. Ein richtiges. Eines, das einen verschwinden lässt von Zeit zu Zeit, das sich in ein wabberndes Meer verwandelt, wenn man sich umdreht, eines, bei dem man einen kleinen Abhang hinunterkullert, wenn sich jemand neben einen legt, der schwerer ist als man selbst. Aber auch eines, in dem man den Horizont noch sieht aus der Bauchperspektive, besonders in einsamen Nächten. Man kommt sich so schnell verloren vor. So verloren, dass man sich fast wieder einen kleinen lebenden Kreisel wünscht, der gelegentlich vorbeischaut und einem die Beinchen in die Rippen stemmt.

Aber nur fast. Diese Anfälle gehen, gottlob, schnell vorbei. Weil, soviel steht fest: Ich brauch keinen neuen Sohn, sondern ein neues Bett. Und eine Kuhle. Aber die mach ich mir selbst.

%d Bloggern gefällt das: