Geister im Dachstuhl

15/04/2007

Und andere offene Rechnungen

Ein typisches Abendritual meiner Kindheit war die Suche nach Gespenstern. Derer konnten sich viele verstecken in den Nischen und Ecken unseres alten Hauses. Und Hilfe war fern, im Ernstfall. Von den Eltern durch einen Kontinent getrennt, durch ein Gebirgsmassiv und Ozeane – also durch zwei Stockwerke, das Abendgeschäft in unserem Wirtshaus und die strenge Regel, wonach ein Kind um eine bestimmte Zeit im Bett zu sein hat.

Während der Vater in der Küche den Schurz wendete, wenn er einen Gast begrüßen wollte und die Mutter mit den Leuten tratschte, Teller wegräumte und Brösel von der Deckserviette wischte, drehte ich zwei Stiegen weiter oben meine Runde. Die Tür zum Dachboden: Abgesperrt. Im Vorraum der Verschlag vor dem Kamin: Niemand drin. Im Badezimmer: Kein Monster in der Badewanne. Hinter der Couch im Wohnzimmer, unter den Betten im Schlafzimmer: Nichts. Das Kinderzimmer bestand aus einer großen Schrankwand, einem Stockbett und zwei Fenstern, einem zum Dachboden und einem ins Stiegenhaus. Die Schrankwand: Alle Türen zu. Das Fenster zum Dachboden (ein fremder, finsterer Erdteil) war am wichtigsten: Ganz fest zu, der Vorhang spaltfrei zugezogen.

 (Während ich mich hier so schreibend erinnere, steht jemand hinter mir und sieht mir über die Schulter. Das einzige Licht im Zimmer kommt vom Bildschirm meines Notebooks. Ich drehe mich um und starre in das Dunkel. Dann ziehe ich die Beine ein. Im Sommer werde ich 40.)

Nach der Runde durch die Wohnung wickelte ich mich nach einer bestimmten Technik in die Bettdecke. Spürte ich einen Luftzug, zum Beispiel an den Beinen, bedeutete das: Lücke. Und das war schlecht. Frische Luft war nur in unmittelbarer Nähe zu Mund und Nase erlaubt.

Das Stockwerk frei von aktuellen Geistern, der Bettzeugpanzer hermetisch dicht: Ich hätte schlafen können. Stattdessen dachte ich nach: Über die Geschichte von den Werwölfen, die mir meine große Kusine erzählt hatte. Über die Filmbilder im Schaukasten unseres Provinzkinos. Die Körperfresser kommen. Zombies greifen an. Über die Spuk- und Gruselgeschichten, die Sagen und Märchen, die wilde Jagd, die Irrlichter in dunklen Mooren. Über Dämonen, die sich auf die Brust von Schlafenden hocken und ihren Atem trinken.

Überzeugt davon, die Nacht nicht zu überleben, schlief ich ein. Einmal war ein wilder Tiger im Zimmer. In Wahrheit startete ein Moped hinter dem Haus. Mein Herz schlug bis zum Hals. Meine Eltern ahnten nicht, wie viel Angst ich als Kind hatte. Meine Schwester, die im Stockbett unter mir schlief, war auch keine große Hilfe. Wenn wir uns verbündeten, dann gegen die Eltern, aber nicht gegen Geister. Außerdem war sie zu pragmatisch, um sich wirklich zu fürchten.

Meine Albträume endeten damit, dass ich mich schreiend durch eine Schlucht aus wirrem Traumgestrüpp ins Wache rettete und alles Schleichende, Schleimende, mich Anstarrende atemlos zurückließ. Die Albträume meiner ordnungsliebenden Schwester endeten mit der Entsorgung der Leichen. Indem sie diese zum Beispiel mit der Bügelmaschine plättete und zusammengelegt im Schrank verstaute. Ich habe sie zu dieser Zeit wirklich sehr schwer verstanden.

Mit dem Älterwerden milderte sich das Grauen, und als Mutter hat man keine Angst vor Gespenstern – zumindest keine, die man zeigt. Außerdem: Meine Wiener Wohnung ist nichtssagend. Sie ist nett, hell, freundlich, lauscht in der Nacht dem Straßenlärm und den (meist) friedlichen Geräuschen der Nachbarn und erzählt mir vor allem keine Horrorgeschichten.

Allerdings. Die Sommer sind so schön auf dem Land. Und die Wohnung im alten Haus wäre ein guter Platz für Wochenenden abseits von Wien. Mir scheint, wir haben noch eine Rechnung offen, die Gespenster meiner Kindheit und ich. Ich dachte, sie los zu sein. Dabei hängen sie wie Fledermäuse kopfüber im Dachstuhl, immer noch.

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