Maden, Motten, Palmen

15/05/2007

Mein Urlaub in Ocala Palms

Es gibt elegantere Wege, eine Kolumne anzufangen, als mit Wattestäbchen in Schranklöchern herumzustochern. Hinter mir liegen dreieinhalb Wochen Florida, aber ich kämpfe gegen Lebensmittelmotten und mir graust vor den Viechern.

Außerdem war Tag der Arbeit, und mein Sohn, der Lehrling, hat gelernt, wie man sich mit einer Brotschneidemaschine den Finger ansägt. Um halb sieben in der Früh. Telefongeläut, Taxi, Unfallkrankenhaus. Eh nicht so schlimm, aber Florida hat sich ganz schön verflüchtigt in den letzten Stunden. Dort war es so still.

Ich lausche ein bisschen. Der Computer rauscht. In mir ist nicht viel los im Moment, der Rest meiner Aufmerksamkeit starrt immer noch auf die nackten Mottenmaden, die schon im fest verschlossenen Mistsackerl wohnen, und wer weiß, vielleicht bewegen sie sich ja noch. Wäh.

Schreib doch über Florida. Wie denn, wenn es verblasst. Wissen Sie, dort war es wirklich still. Ich war ja nur ganz kurz in Miami, um mich planlos zu verfahren. Aber sonst: Sogar Tampa war ruhig, weil nachtschlafend, als wir dort ankamen. Am nächsten Tag lieferten mich die Jungs (mein Sohn, ein Freund) in Ocala Palms ab und dort war das lauteste Geräusch die Uhr im Wohnzimmer von Charlie und Maurine. Und dann setzten sich die Jungs Richtung Daytona ab, weil ihr Urlaub viel kürzer war als meiner und weil man seine Mama, oder die Mama von irgendwem, nicht unbedingt mitnehmen muss an den Strand oder zu den Cheerleadern oder in irgendein Nachtleben.

Urlaub in Ocala Palms. Dort dürfen nur Menschen wohnen, die über 55 sind. Die können sich dann zwischen fünf verschiedenen Häusertypen und vier verschiedenen Farben für ihre Häuser (oder umgekehrt) entscheiden. Sie verpflichten sich, mindestens zwei Bäume zu pflanzen und es in ihrem Vorgarten nicht zu übertreiben. Man sieht ganz wenig Plastikflamingos und ganz viele Steinskulpturen. Delfine und so. Kleine steinerne Puppenkinder, die Schubkarren schieben oder sich Küsschen geben. Es ist eigenartig, daran zu denken, wie sie sich immer noch Küsschen geben unter ihren Palmen, und zu wissen, wie sich dort die Nacht anfühlt und die Ruhe und die Luft, während man hier sitzt mit dicken rosa Socken und alles ist schon wieder so weit weg.

Maurine hat nur Rosen in ihrem Garten und eine Katze, die ein schwarzer Kater ist, Sooty heißt und es liebt, am Kinn gekrault zu werden, aber nicht von jedem. Außerdem hat Maurine einen australischen Akzent, sie ist ja von dort, und wenn sie mich als ihre Austrian daughter vorstellte, sagte natürlich jeder: Oh, Australia. Worauf ich: No, Austria, Vienna. Und dann: Oh und ah und wonderful!

Charlie und ich hatten uns 2005 angefreundet, als ich für das Gedenkjahr mit Veteranen zu tun hatte. Er mag Kriegsgeschichten. Gleich am ersten Abend in Ocala drückte er mir das Buch eines Kameraden in die Hand, von dem er mir oft geschrieben hatte. Maurine konterte mit dem Roman eines australischen Schriftstellers, derart ausgerüstet beschloss ich, gar nichts zu lesen und höflicherweise auch die mitgebrachten Bücher zu ignorieren. Stattdessen sahen wir gemeinsam CSI Miami oder M.A.S.H. oder die Andy Griffith Show. Ab und zu tranken wir Black Cow, dazu gibt man Vanilleeis in ein Glas und Cola, bis es eine luftige braune Schaumkrone hat.

Abends zog mich die Sehnsucht nach draußen, in besagte Nacht und auf die warmen, leeren, breiten Wege zwischen den adretten Häusern. Die Namensschilder unter den weißen Postkästchen knarrten ein wenig, auf einem Dach saß eine Eule und drehte den Kopf in meine Richtung und wir starrten uns an, eine Zeit lang. Das Sehnen dehnte sich von der Brust aus bis in meine Hände und hatte nichts zum Ziel, obwohl natürlich, es hatte ein Ziel, oder mehrere. Aber weil es jetzt wieder da ist, dieses Sehen, während ich mit meinen rosa Socken vor dem Computer sitze (Mitternacht ist längst vorbei, mein Sohn schläft nebenan mit dick eingebundenem Finger und die Maden wühlen sich durch den Mist), bin ich mir nicht mehr so sicher, wo das alles (das Sehnen, oder ich) hingehört und vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig.

Vielleicht warten wir ein bisserl, bis die Motten weg sind und Florida wieder da ist und ich erzähle Ihnen dann mehr von Charlie und Maurine und Ocala Palms, wo man nur zehn Meilen pro Stunde fahren darf, und ich sag Ihnen was: So ein Speed Limit hat schon sein Gutes.

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