So banal ist Banalsein

15/06/2007

Arg, dass wir das arg finden

Mögen Sie Rhabarberkompott mit Joghurt und Müsli? Wär fein, denn das haben wir grad gefrühstückt, Sie und ich, und dabei haben wir, nein, kein Ö1 gehört, und, nein, auch kein FM4, sondern gelesen. Feines Buch, aber jetzt ist es spät, also hoppauf. Ab ins Bad, duschen, raus aus der Dusche, roter String trifft schwarzen BH, wir hüpfen halbnackt mit der Zahnbürste im Mund durch die Wohnung, am Bett vorbei (wird gemacht), an der Spüle vorbei (schnell abwaschen), suchen die Jeans, die alten, nicht die neuen, verflixt, da hängen sie. Der Rest ist einfach, weil immer, also T-Shirt aus dem Kasten, zurück ins Bad, Mund spülen, Pause. Kritischer Blick.

Meine Herren, da müssen wir durch: Augenbrauen zupfen, so banal ist Banalsein. Links ein bisserl (immer links zuerst, keine Ahnung, warum), rechts ein bisserl, passt, Creme ins Gesicht, Lidschatten (rosa? beigebraun? rosa), Lidstrich, Wimperntusche, Pigmentfleck abdecken, g’schwind Haare bürsten, ein Spritzer Parfüm (jetzt klingt das schon sehr nach Woman-Kolumne, oder? Dabei hab ich Sie gar nicht mit auf die Waage genommen), und raus aus dem Bad. Tasche schnappen, Apfel in die Tasche, Schuhe an, zurück in die Küche (ist der Kühlschrank zu? Das Mistding geht immer auf), vorsichtig die Tür zum Nachwuchszimmer aufmachen (Fenster sind zu, Gott sei Dank, wir müssen nicht rein), Blick auf die Uhr (halb 10, Himmel hilf) und ab.

Im Gang drei Mal an der abgesperrten Tür drücken und zwei Mal ziehen (gelebter Zwang für den Alltag), Lift holen, runter, im Treppenhaus grüßt mich ein Mann mit Motorradhelm in der Hand, schaut gut aus, wir wussten gar nicht, dass wir so was im Haus haben, dann raus, 150 Meter zur U3, an einer Spiegelwand vorbei, kurzer Blick nach links zum Spiegelbild, passt, jetzt nimmer schaun, das wär blöd.

Vierundvierzig Stufen und eine Rolltreppe tiefer (sind Sie noch bei mir?), vier Minuten warten auf U3 Richtung Westbahnhof, mit mehr Zeit hätten wir auch U3 Richtung Simmering nehmen können, dann U2, U4 und den D-Wagen, oder gar keine U-Bahn, sondern den 13A, den 5er und dann den D-Wagen, oder zu Fuß ein Stück, durchs alte AKH, aber was red ich, wir haben eh keine Zeit.

Drei Minuten. Neben uns löffelt eine Frau in den Vierzigern ein Eis. So früh am Tag. Wir finden das eigentlich arg. Und arg, dass wir das arg finden. Ansonsten sind nur Frauen mit rötlich gefärbten Haaren unterwegs. Weiße, abgesteppte Handtaschen. Großgemusterte C&A-Blusen. Die U-Bahn kommt, rein, eine Station, raus, Rolltreppe rauf, oben drängt sich eine Schülerherde zusammen, lauter Jungs, nur zwei Mädchen leuchten blond und hübsch, wahrscheinlich HTL, weiter, rauf zur U6, nur eine Minute Zeit, um nach vorne zu kommen, ans andere Bahnsteigende, weil, wenn hinten alles drängt, gibt es vorne Luftlöcher, immer, also flott.

Langsame, dicke, dünne und andere Leute versperren uns den Weg, solche mit Kinderwagen, oder Koffer, oder Zwiebelduft, aber wir schaffen das, weichen aus, denken kurz an unseren Süßen (das kling so: mein Süßer, mein Süßer, mein Süßer), wahrscheinlich irgendein leichter Bartansatz in der Menge, kommen zeitgleich mit der U-Bahn am Bahnsteigende an, zwanzig Leute steigen aus, wir steigen ein, Platz frei, am Fenster, perfekt (obwohl uns vor dem Fettfleck am Glas graust, muss man ja nicht sehen), sitzen, gut.

Jetzt ist Zeit. Zum Beispiel, um darüber nachzudenken, warum wir nix Ordentliches schreiben, wie etwa über den neuen guten Trend von kleinen bis mittleren Kommunen, sich für gut integrierte, aber durch Abschub bedrohte Familien ins Zeug zu legen, bei denen immer der Sohn im Fußballverein glänzt und die Tochter in der Schule und die Mama freiwillig wo hilft und der Papa fleißig arbeitet. Das ist schön, es bleibt die Frage nach den schrägen, radebrechenden Leuten in diesem Konzept, aber darüber müssen wir noch nachdenken, damit da kein Blödsinn rauskommt, genauso wie wir noch über großformatige Politikerwerbung für kleinformatige Zeitungen nachdenken müssen, grausliches Geschleime, so daneben, dass es kracht (dass es nicht kracht, irritiert), aber heute sind wir ganz bei uns, leider.

Und deswegen. Starren wir aus dem Fenster. Auf den Gürtel. Und die Autos. Und die Leute. Sieben oder acht Stationen. Lang.

Bis wir ankommen, Spittelau, aussteigen, Treppe runter, raus, der D-Wagen biegt ums Eck, was für ein Glück, aber keine Kollegen, schad, also doch noch den Radio anstöpseln, zwei Stationen, raus, über die Brücke, rein in die Firma, jetzt simma da, in den Lift, kritischer Blick, erst in den Spiegel, dann auf die Speisekarte von der Kantine, mögen Sie makkaroni.gemüse.auflauf? Schad. Andererseits, ich muss jetzt eh arbeiten. Danke für’s Mitkommen und bis bald.

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