My Incognito Is Exploded

15/07/2007

Es ist später Abend, draußen streiten die Nachbarn. Der Straßenlärm bricht sich an der Stille im Zimmer. Ich sitze seit einer Viertelstunde vor dem leeren Word-Dokument und überlege den ersten Satz. Gleichzeitig steigt etwas hoch in mir und sammelt sich im Hals, ein Gewirr an Gefühlen.

Ich schließe die Augen. Lasse die Nachbarn streiten. Stehe blind auf, taste mich blind durchs Zimmer zum Bücherregal, ziehe blind ein Buch heraus, taste mich zurück, setze mich, schlag das Buch auf (noch immer blind) und stecke meine Nase zwischen die Seiten. Guter alter Taschenbuchgeruch. Ich sehe nach, was ich aufgeschlagen habe.

Das ist kein Orakel. Alles was ich wollte, war ein erster Satz für diesen Text. Und diesen hier habe ich bekommen: “My incognito is exploded”, aus Mark Twains “Life on the Mississippi”. Was für ein Zufall, denn mit dem Mississippi habe ich noch eine Rechnung offen. Im April 2003 versprach ich mir in Memphis, am Ufer stehend, die nackten Beine im Flussschlamm, ich käme wieder, wenn mein Junge groß ist, mit mehr Zeit und mehr Ruhe. Seither sind etwas mehr als vier Jahre vergangen.

Toni, mein Sohn, wird am Samstag achtzehn. Ich werde ganz Wien drücken und meine Liebe zu ihm in die Weinberge tätowieren, in Ermangelung von Alternativen. Denn Seine Hochwohlgeboren belieben in Griechenland zu weilen, um dort mit Freunden Geburtstag zu feiern. Ohne Handy, ohne mir zu sagen, wo er genau ist. Irgendwo in Kreta, schon seit fast zwei Wochen. Weswegen es auch so leer und still ist in der Wohnung.

Wir sind eine alleinerziehende Familie, wir zwei, seit gut dreizehn Jahren. Wobei, ganz allein stimmt auch wieder nicht. Meine Eltern haben mitgeholfen. Mein Vater hat ihm solange die Würstl kleingeschnitten, bis ich beschlossen habe: Wir ziehen weg aus der ständigen Reichweite. Essen nach Wunsch gibt es nur in den Ferien. Das war natürlich nicht der wirkliche Grund. Aber damals sagte ich zu meinem Sohn, der gerade zehn geworden war: Nach der Hauptschule gehen wir nach Wien.

Und Toni sagte: Machen wir das doch gleich. Das taten wir dann auch. So war das. Daran ist nichts Romantisches. Auch kein cooles Mutter-Sohn-Ding. Das waren zum Teil beinharte Zeiten und tausend Kämpfe.

Ich habe so viele Fehler gemacht, wie man nur machen kann. Für einige werde ich mich bis an mein Lebensende schämen. Ich wollte nie Mutter sein, weil ich ahnte, wie schwer das für mich sein wird. Aber als ich vor knapp 19 Jahren heulend dem Frauenarzt dabei zusah, wie er mit der Ultraschall-Sonde kaltes Gel auf meinem noch flachen Bauch verteilte, hörte ich schlagartig auf zu heulen, als er mir am Bildschirm dieses fette, kugelrunde Ei zeigte. Sie sind schwanger. Das war ok und ich plötzlich sehr ruhig und voller Freude.

Weil. Deswegen. Wie kann man das erklären. Mein Sohn meint manchmal, dass ich ohne ihn vielleicht studieren hätte können. Er meint manchmal, er wäre eine Bürde für mich gewesen. Natürlich war er das. Nein. Nicht er, niemals er selbst. Nur manchmal die Situation. In Wahrheit war Toni lange Zeit die einzige Konstante in dieser völlig verrückten, unbegreifbaren Welt. In Wahrheit war er die Erdung, ohne die ich, die ständig am Abdriften war, tatsächlich verlorengegangen wäre. Gelegenheiten hätte es genug gegeben. In Wahrheit ist er das immer noch. Er ist tatsächlich und ungeteilt das Beste, was mir je passieren konnte.

Mein Sohn ist jemand, der einen zum Lächeln bringt, nur indem man von ihm redet. Ob das der Besitzer der Pizzeria unten im Haus ist, oder die Hausmeisterin, oder Freunde, oder sonst wer. Sie richten sich auf, fangen an zu lächeln und fragen nach ihm, und in der Frage steckt so viel Zuneigung. Das macht mich sehr glücklich und stolz.

Der Satz “My incognito is exploded” passt genau. Kinder sind ein Paradoxon: Je größer sie werden, desto schwerer kann man sich hinter ihnen verstecken. Muttersein ist ein Inkognito, hinter dem sich der Rest der Frau ganz gut verbergen lässt. Aber wenn die Kinder erwachsen werden, verliert man seine Deckung. Da nützt das ganze Klammern nichts. Man muss sich ungedeckt der Welt stellen. Hat man allerdings – wie ich – einen so spannenden, eigenwilligen Sohn, der einem dabei zur Seite steht, dann ist alles gut.

Alles Gute, mein Schöner. Ich bemüh‘ mich, versprochen.     

 

Originaltext Juli 2007, adaptiert im Dezember 2013

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